Archiv der Kategorie: Die Stadt der Masken

(19) Bewegung

JCK1236 – 30.04.1265 – 15:10

Mit brennenden Augen und schmerzendem Rücken saß Jane an einem der Terminals im Rebellenquartier und klickte sich durch die Meldungen der Regierung. Das Ergebnis war zerschmetternd: Kein Hinweis auf den Verbleib ihres Mannes oder der Kinder. Nichts. Man hatte sie von Schule und Kindergarten abgemeldet, aus allen Karteien gestrichen, fast als hätte es sie nie gegeben. Frustriert schlug Jane ihre Faust auf die Glasplatte des Terminals und schloss die Augen.

„Jane, mach dich nicht verrückt.“ Eliza trat neben ihren Stuhl und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Deinen Kindern geht es gut, glaub mir. Selbst wenn du noch Stunden vor dem Bildschirm sitzt, machst du es dir nur schwerer.“

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(18) Neue Wahrheit

SHB1240 – 28.04.1265 – 16:28

Ein paar Tage vergingen. Niemand meldete sich bei Simon, niemand verlangte etwas von ihm. Er verlange von sich selbst nur noch das eine: zu Jane zu gehen, sich zu entschuldigen, mit ihr zu reden. Doch bislang konnte er den Mut, den er brauchte, um sich aufzuraffen, nicht aufbringen.

Der einzige, der ab und zu bei ihm vorbei schaute, war Kyle, der Besitzer des Caligo. Er hatte ihm zu seiner neuen Wohnung verholfen, oder vielmehr zu dem Zimmer, denn viel größer war die Behausung wirklich nicht. Sie lag zwei Stockwerke unter dem Caligo und war nur mit dem Nötigsten eingerichtet, denn jeder, der hier wohnte, hoffte nicht lange bleiben zu müssen.

„Simon, ich muss wieder nach oben.“ Kyle kämpfte sich und seine Wampe mit einiger Mühe vom ausgesessenen Sofa nach oben. Seine Knie knackten gefährlich, als er sie belastete. „Mach keinen Scheiß, Junge. Wenn sich alles ein wenig beruhigt hat, kannst du auch wieder bei mir anfangen. Überleg’s dir.“

„Danke, Mann. Aber ich kann mich im Moment nirgends blicken lassen.“

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(17) Beflügelt

Die Zeit schien für Simon plötzlich still zu stehen. Wie im Standbild sah er Jane um die nächste Häuserecke biegen, bevor er realisieren konnte, was gerade geschehen war. Er hatte nicht nur Janes Leben komplett zerstört, sondern auch seine eigene Existenz ruiniert. Und Eric ist daran schuld.

Wie hatte sein Bruder so etwas nur tun können? Er hatte immerhin seine eigene Frau verraten und angezeigt. Mitgliedschaft bei den Rebellen, war kein Delikt, das nur mit einem Bußgeld bestraft wurde. Zum ersten Mal dachte er an die anderen Stadtbewohner, die er während seiner Zeit bei den Wächtern festgenommen hatte, dachte an ihre Familien, ihre Freunde. Simon wusste noch nicht einmal, warum er die Leute festgenommen hatte. Ich habe nicht einmal für mich entscheiden können, ob ich es moralisch richtig fand, dass sie festgenommen wurden, ich habe nur funktioniert und Befehle ausgeführt. Und auch bei mir wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis ich etwas von den Wächtern zu hören bekomme.

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(16) Getrennte Wege

SHB1240 – 25.04.1265 – 12:04

Schließlich war es ein schmaler Streifen Sonnenlicht, der Simon direkt ins Gesicht strahlte und ihn zum Aufstehen bewegte. Richtig geschlafen hatte er sowieso nicht, seit Clarence gegangen war. Stöhnend setzte er sich auf und versuchte, die plötzlich stechenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Shit. Nie wieder freie Tage. Natürlich wusste er, dass er daran selbst schuld war. Aber auch der Zentrale würde es nicht gefallen, wie er sich abgeschossen hatte.

Suchend blickte er sich im Wohnzimmer nach seiner Maske um, schließlich war er heute wieder im Dienst, doch er konnte sie nirgendwo finden. Erinnerungsfetzen von der letzten Nacht blitzten auf, ein Mädchen, das ihm im Schlafzimmer die Maske vom Gesicht zieht. Die restlichen Bilder verdrängte er vorsorglich.

Auf unsicheren Beinen kämpfte er sich durch die Wohnung, von den Kopfschmerzen immer wieder zum Innehalten gezwungen. Als er endlich seine Maske in den Händen hielt und aufsetzte, blinkte ihm groß und rot eine neue Nachricht entgegen.

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(15) In scientia veritatis

Clarence zögerte. Mit klopfendem Herzen stand er vor der sperrangelweit offenen Tür zu Simons Wohnung. Durch die Türöffnung konnte er das Chaos sehen, das dahinter herrschte: leere Flaschen, Kleidungsstücke, eine Maske, vermutlich Simons.

Hoffentlich geht es ihm gut, dachte er, während er über die Schwelle trat und ihm ein muffiger Geruch nach Alkohol und kaltem Zigarettenrauch entgegen kam. Im Wohnzimmer blieb er stehen und sah sich um. Nirgendwo ein Zeichen von Simon, die ganze Wohnung war gespenstisch still.

„Simon?“ Seine Stimme klang seltsam schwach, als würde sie von der Luft um ihn herum aufgesogen und verschluckt. Er erhielt keine Antwort.

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(14) Zweites Gesicht

JCK1236 – 24.04.1265 – 20:23

„Ist Mae da?“

Bevor Jane sich überhaupt der Situation bewusst wurde, in die sie gerade geplatzt war, hatte sie schon atemlos die Frage in den Raum geworfen. Alle starrten sie an. Maske für Maske ging Jane die Anwesenden durch, entdeckte Bekannte, entdeckte Eliza, die sie anscheinend eben in einer Ansprache unterbrochen hatte. Mae war nicht dabei.

Seit heute Mittag hatte sie ihre Kollegin nicht mehr gesehen. Mae war etwas früher als Jane in die Mittagspause gegangen, doch als Jane zurück ins Büro kam, war Mae noch nicht da. Auch nach einer halben Stunde tauchte Mae nicht auf und Jane begann, sich Sorgen zu machen. Vor allem sah es ihr Arbeitgeber nicht gerne, wenn die Arbeitszeiten nicht eingehalten wurden. Schließlich meldete Jane ihre Kollegin krank, damit sie wenigstens vor diesen Konsequenzen verschont blieb.

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(13) Sturzflug

Ich bin gefangen. Ich weiß es. Schmerzhaft schneiden die Fesseln in meine Haut und die Dunkelheit, die mich täglich umgibt, lässt meine Gedanken stumpf werden. Irgendwer hält mich fest und ich wüsste gern, wer das ist, denn ich bin mir sicher, er tut es zu Unrecht. Manchmal versuche ich mich daran zu erinnern, wie die Farben aussahen, oder wie es war, frische Luft zu atmen, doch meistens kann ich nicht mal unterscheiden, ob ich wach bin oder schlafe. Wahrscheinlich bin ich sowieso schon tot.

Und doch ist plötzlich etwas anders. Ich kann nicht beschreiben, was ich sehe, fühle oder schmecke, denn zu lange schon habe ich meine Sinne nicht mehr benutzt. Zuerst ist es ein unangenehmes Gefühl, ich möchte mich davor verschließen, reiße die Hände vors Gesicht – und merke, dass sie nicht mehr angebunden sind. Langsam öffne ich meine Augen… Und werde geblendet von der Helligkeit, die auf mich einströmt. Die Sonne liebkost meine unbedeckte Haut, ein frischer Wind fährt in meinen Körper und zwingt mich zum Atmen.

Dazu fällt mir nur ein sehr altes Wort ein:

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(12) Nadelstiche

CJA1240 – 24.04.1265 – 17:31

Mit geübten Bewegungen glitt er in seinen weißen Arbeitskittel und entriegelte die Tür durch seinen Fingerabdruck. Clarence kam sich immer vor wie in einer anderen Welt, sobald sich die weißen Türen hinter ihm wieder schlossen. Nun war die Luft absolut gereinigt, sämtliche Oberflächen waren sterilisiert und seine Arbeit konnte beginnen.

Trudy, seine Assistentin und Sekretärin, hatte das Labor schon vorbereitet und die aktuellsten Tabellen an sein Terminal geschickt, doch wie er schon zu Hause gesehen hatte, erwartete ihn erst ein Haufen Nachrichten an seinem Schreibtisch.

„Guten Morgen, Clarence“, flötete Trudy, als sie seine Bürotür öffnete, wahrscheinlich um ihn an irgendeinen Termin zu erinnern, doch noch in der Tür blieb sie stehen. „Sie sehen heute aber fertig aus. Liegt es an der Spätschicht? Oder ist etwas mit Ihrer Frau? Ich hoffe doch nicht.“

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(11) Fels in der Brandung

SHB1240 – 20.04.1265 – 21:41

Schon im Aufzug kamen Simon gedämpfte Stimmen entgegen. Es klang für ihn wie ein wütender Streit. Aber bei meinem Bruder? Mit ihm konnte man gar nicht streiten, er hatte normalerweise seine Meinung und damit in seinen Augen auch Recht. Punkt. Selbst Jane konnte nicht gegen ihn ankommen, wenn er in der richtigen Stimmung war. Sollte er wirklich klingeln und in die Auseinandersetzung zwischen den beiden platzen? Auf der anderen Seite war er mit ihnen verabredet gewesen.

Letztendlich klingelte Simon doch – und wurde ignoriert. Drinnen ging der Streit weiter. Eigentlich wollte Simon gar nicht wissen, worum es dabei ging, doch seine neue Wächtermaske arbeitete fast wie von selbst, als sie die Mikrofone auf die Tür richtete und ihre Empfindlichkeit für Geräusche erhöhte. Janes energische Stimme drang an Simons Ohren. Das was er hörte, wollte so gar nicht in das Bild der ruhigen und sanftmütigen Schwägerin passen, das er bisher von ihr hatte.

„Wie oft soll ich es dir noch sagen? Ich war mit Mae beim Sport!“

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(10) Lebenszeichen

JCK1236 – 20.04.1265 – 18:03

„Gut, dass du da bist.“

Elizas Maske tauchte im breiter werdenden Türspalt auf. Ein Rabe zierte ihren Bildschirm, wie so oft in letzter Zeit, wenn Jane sie sah.

„Was ist denn los? Du klingst so besorgt.“

„Wir haben heute viel zu tun“, erwiderte Eliza nur und ging voran die Treppe hinauf zum Hauptquartier der Rebellen.

Ursprünglich war es wohl eine Wohnung gewesen, doch nach und nach hatten Schreibtische, Karten und riesige Bildschirme zuerst das Sofa, den Esstisch und irgendwann auch die Küche verdrängt. Einzig die antiquierten Fotografien an den Wänden hatten den Prozess der Vereinnahmung überstanden.

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