Lieblingsplatz: beim Einhorn

Vor genau einer Woche bin ich nach Heidelberg aufgebrochen, unsicher, was und wer mich erwarten würde, neugierig, was ich lernen, wen ich treffen würde. Natürlich hatte ich mir vorher die Teilnehmerliste angeschaut und ein paar bekannte Namen von Twitter gelesen, aber wie würden die so in echt sein? Würde ich mich trauen überhaupt mit jemandem zu reden (bei mir nicht unwahrscheinlich)? Letztenlich habe ich am letzten Wochenende zweieinhalb wunderbare Tage mit ganz wundervollen Buchmenschen verbracht und ich kann gar nicht auf das nächste LitCamp 2018 warten.

Am Freitag begann mein Programm mit dem Abendspaziergang von Claudia (@Claudia2008). Abgesehen von den neuen schönen Ecken, die ich dank der Führung entdecken durfte, und den historischen Geschichten rund um die Heidelberger Innenstadt, lernte ich dort die ersten netten Leute kennen, sodass ich am Samstag nicht, wie befürchtet, in einem Raum mit 250 ganz unbekannten Leuten saß. Es tat so gut, sich über Geschichten, das Lesen und das Schreiben zu unterhalten, ohne gleich schiefe Blicke zu ernten (und normalerweise erwähne ich das nicht im zweiten Satz, wenn ich mich jemandem vorstelle).

Der Samstag begann früh und mit der Erkenntnis, dass ich meinen Föhn vergessen hatte. Es war erstaunlich kalt auf dem Camping-Platz am Neckar, wo ich mein Lager aufgeschlagen hatte, aber spätestens nach der halbstündigen Fahrradtour zum Dezernat 16, wo das LitCamp untergebracht war, war mir wieder warm, denn das Wetter war herrlich. Am Einlass wurden schon Wetten abgeschlossen, wie lange man es heute in langen Hosen wohl aushalten würde 😀 Nach Anmeldung und Kaffee verbrachte ich die Zeit vor der Begrüßung vor allem mit dem Beobachten der anderen Teilnehmer und so langsam wurde mir klar: Hier brauchte ich wirklich keine Angst vor den Leuten zu haben 😀 Alle waren das gesamte Wochenende unglaublich nett, offen, neugierig und vor allem eins: literaturbegeistert.

Dann ging’s wirklich los. Das Orga-Team erklärte für Frischlinge (wie mich) nochmal die Regeln eines Barcamps (Seid nett zueinander!), dann stellte sich jeder vor (was ich unglaublich spannend fand, vor allem die Breite der Interessensgebiete) und anschließend begann die Session-Planung. Ich konnte mir gar nicht schnell genug Notizen machen, so viele interessante Themen wurden vorgeschlagen. Und so langsam dämmerte es mir: Eigentlich könnte ich sowas auch… Und durch mein Studium gäbe es sicherlich einige Themenbereiche, die auch für andere Buchmenschen interessant wären. Ihr hört dann nächstes Jahr von mir 😀

Session 1: Der kreative Prozess von Tanja Steinleichner (@TSteinlechner, schreibhain.com)


Erste Session und gleich die Qual der Wal: Was schaue ich mir von den sieben oder acht gleichzeitig stattfindenden Sessions an? Ich blieb einfach im großen Hauptraum sitzen und hörte mir den Vortrag über kreatives Schaffen an. Ich nahm (mindestens) drei wichtige Erkenntnisse mit: (1) Kreative Menschen vereinen viele und extreme Widersprüche in sich. (2) Entwickle eine Schreibroutine, zum Beispiel mit den drei Morgenseiten. (3) Schreib! Auch wenn man gerade viel anderes um die Ohren hat. Wir werden sehen, wie viel ich davon wirklich umsetzen kann, aber ich war allein davon fasziniert, dass ich mich getraut habe eine Frage zu stellen, die jetzt wahrscheinlich auch in YouTube zu hören ist 😀

Das Live-Video zur Session findet ihr hier. 

Session 2: Geschichte(n) erlebbar machen von @fraunora (alias die @_Anachronistin_)

Wie wird lang vergangene Geschichte zu greifbaren Erlebnissen mit Bezug zum Hier und Jetzt? Das hat uns @fraunora mit ihrem Projekt eindringlich gezeigt. In Blogbeiträgen, Podcasts und über die Sozialen Netzwerke erzählt sie Stück für Stück die Geschichte ihres Großvaters, der im zweiten Weltkrieg eine Widerstandszeitung veröffentlichte. Sie lässt in ihren Podcasts ihren Vater, der bei der Entführung des Großvaters erst elf Jahre alt war, zu Wort kommen und schafft so eine Stimmung, die jeden berührt. Ein wirklich interessantes und wichtiges Projekt, das auch durch die Verbindung verschiedener Kanäle richtig gut umgesetzt wurde! Mitgenommen habe ich hier: (1) Jeder Kanal braucht seinen eigenen Inhalt, es bringt nichts, Blogbeiträge 1:1 auf Facebook zu veröffentlichen, denn die Leute/Follower erwarten dort etwas anderes. (2) Gesprochen/gehört wirken Texte oft näher und emotionaler als geschrieben/gelesen. (3) Geschichte ist oft näher an der Realität, als man das wahrhaben will!

Das Live-Video zur Session findet ihr hier.

Session 3: Mein Twitter-Manifest von Benjamin Spang (@doppelmond)

Benjamin Spang war einer der wenigen, die ich schon vorher durch Twitter „kannte“ und so musste ich mich natürlich auch in seiner Session blicken lassen 😉 Abgesehen davon war das Thema richtig spannend: Nach welchen Mechanismen tickt Twitter? Und wie kann man die für sich nutzen? Meine Take-Home-Messages waren: (1) Das Profil eines Accounts ist immer nur so interessant wie die letzten 20 Posts, die ein potentieller neuer Follower dort sieht. (2) Crosspostings sind doof, da jeder Kanal eigene Regeln hat und deshalb auch andere Inhalte verlangt (und Links in Twitter auch eher zu vermeiden sind). (3) Sei als Mensch sichtbar und komme so in die Köpfe der Leute, sodass sie an dich denken, auch wenn sie gerade nicht auf Twitter sind (Selfbranding).

Session 4: Worldbuilding von @EleaBrandt

Am ersten Tag die für mich spannendste Session, weil sie sehr viel Input geliefert hat! Es gibt so viele Gedanken, die man sich beim Entwerfen eines Settings machen sollte, entweder weil sie immer zutreffen oder weil man sie gut begründen sollte, wenn sie nicht zutreffen. Ein beliebtes Beispiel war die Verortung einer Großstadt ohne Fluss. Dabei produziert jede Großstadt so viele Abfälle und Abwässer, dass ein sauberes Stadtbild ohne funktionierende Kanalisation (und daher ohne Wasser) nur schwer vorstellbar wäre. Natürlich mag es sowas auch geben, aber dann sollte man sich darüber Gedanken machen, was mit dem ganzen Unrat passiert! Neben einer ganzen Liste an Links und Buzzwords kommen hier meine Top 3 Gedanken zum Worldbuilding: (1) Magie sollte einen Preis oder zumindest logische Konsequenzen haben (wenn man sich teleportieren kann, läuft man nicht mehr). (2) Religion ist allgegenwärtig, es gibt nur wenige Gesellschaften, die keinen Glauben (an irgendetwas) entwickelt haben. (3) Essen erzählt viel über den Charakter, die Situation, die Bräuche, die Gesellschaft.

Session 5: Klischees in der Literatur von @Stehlblueten und @whoiskafka

Auch weil ich vorher einen Blogbeitrag von @Stehlblueten zu dem Thema gelesen hatte (5 Anzeichen, dass du die Protagonistin eines New-Adult-Romans bist), wollte ich mir nun mal anhören, was die anderen Leser, Autoren und Blogger von dem Thema hielten. Die lockere Runde, in der die Session gestaltet wurde, ließ mich nach den anderen Sessions auch ein wenig abschalten und ich habe einiges mitgenommen, das vielleicht auch in Zukunft in mein Schreib- und Leseverhalten einfließen wird, denn letztendlich wurde aus der Diskussion um Klischees eine Diskussion um den Buchmarkt und wie man etwas, das nicht aktueller Mainstream ist, finden und unterstützen kann. (1) Mehr Bücher lesen und empfehlen, in denen starke Frauen auftauchen! (auch im Fantasy/Science Fiction bereich). (2) Mehr aus kleineren Verlagen lesen, da diese oft mehr vom Mainstream abweichen. (3) Auch beim Schreiben vermehrt auf Diversity achten, auch wenn Klischees gebraucht werden, um Bilder im Kopf zu erzeugen und diese wenn nötig zu brechen.

Session 6: Poetry-Slam organisiert von @MiuSuCo

Mit der sechsten Session wurden die Night-Sessions eingeleitet, die gerenell etwas lockerer gestaltet waren. Ich finde die Idee eines Poerty-Slams immer wieder klasse, auch und besonders wenn er (wie hier) nicht als Wettbewerb, sondern als mutmachendes Aufstehen und kollektives Lauschen organisiert ist. Ich habe immer wieder großen Respekt vor denjenigen, die sich vor so viele Leute stellen und ihre Werke vortragen, die bei dieser Session wirklich klasse waren! Hut ab!
Session 7: habe ich draußen im Innenhof verbracht und lange mit Lara (@mllefuchs), Sascha (@whatawrite) und Andreas (@literandi) über das Schreiben, aktuelle Projekte und das Leben gequatscht. Es hat sehr viel Spaß gemacht, gerne wieder! 🙂

Session 8: Suses grusliges Cover Kabinett von @susanne_kasper

Wer schon immer mal richtig schräge Buchthemen sehen wollte, seltsame Cover oder witzige Amazon-Reviews, der war hier genau richtig. Wir haben alle Tränen gelacht über Kleidungsanleitungen für Katzen, ein How-To-Buch wie man ganz einfach Särge bauen kann (und gleichzeitig noch feststellt, dass man auch >wirklich< tot ist), Liebespaare mit zu vielen Händen und viele weitere mehr. Es könnte aber auch sein, dass der geniale Cocktail-Slush ein wenig dazu beigetragen hat, dass es so lustig war… 😀

Session 9: Covergestaltung von @Juliana_Fabula

Dieser Workshop hat interessante Vorher-Nachher-Vergleiche von Covern nebeneinander gestellt, die gezeigt haben, was beispielsweise eine passende Schrift oder eine bessere Schriftfarbe alles bewirken kann. Allerdings hatte ich mir mehr praktische Hinweise erhofft, vielleicht auch auf einer fortgeschrittenen Ebene. Dennoch habe ich einige nützliche Informationen aus dem Vortrag mitgenommen! (1) Bei vielfarbigen Hintergrundbildern ruhig auf Schatten und Umrandungen zurückgreifen. (2) Bei mehreren Bänden / Reihen die Farben der Cover auf den Inhalt, die Entwicklung der Geschichte anpassen. (3) Jeder Header hat verschiedene Maße, deshalb alle lieber individuell basteln, damit alles passt!

Session 10: Statische Webseiten-Blogs als Alternativen zu WordPress

Bis zu dieser Session waren mir die Sicherheitsrisiken von WordPress, ehrlich gesagt, nicht bewusst. Auch wenn ich meinen Blog nicht selbst hoste, so finde ich es doch nicht in Ordnung, wenn Lücken in der Programmierung bestehen, die es fremden Leuten möglich machen, die Inhalte meines Blogs einfach so zu ändern. Auf der anderen Seite ist WordPress natürlich einfach und schick und ich kann hier ohne großen Aufwand vor dem Training auf dem Sportplatz sitzen und diesen Artikel schreiben. Das wird auf anderen Wegen natürlich schwieriger. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die Alternativen zu kennen, um die Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Da ich es immer wichtig finde, mit wenig Aufwand eine halbwegs gut aussehende Seite zu bauen, hatte ich vor der Session etwas Bedenken, dass der „statische“ Blog zu sehr nach „erste Schritte in HTML“ aussehen würde, aber dem war überhaupt nicht so. Es gibt anscheinend eine riesige Auswahl an Templates, sowohl kostenlos als auch gegen Bezahlung, und die Gestaltungsmöglichkeiten scheinen vielfältig, wenn man keine Angst vor Code oder Kommandozeilen hat. Auf jeden Fall werde ich mich näher mit Jekyll und/oder Hugo beschäftigen und mal ausloten, ob dieses System für einen eventuellen Relaunch meines Blogs eine realistische Alternative zu WordPress wäre.

Session 11: Weltenbau nach Maggos P&P-Art (@marcomanders_da)

Diese Session war wohl die im Nachhinein meistdiskutierteste, aber nicht wegen des Inhalts (der echt super war), sondern wegen Maggos wunderbar angenehmer Stimme, die auf Twitter mit Karamell und Schokolade verglichen wurde. Soweit ich das mitbekommen habe, kann er sich schon vor Aufträgen Texte einzulesen, kaum retten 😀 Nun aber zum Inhalt. Maggo vertritt die Ansicht, dass man 10.000 (auf jeden Fall viele) Stunden braucht, um etwas richtig gut zu können, aber nur 20 Stunden, um etwas halbwegs zu können. Er empfiehlt diese 20 Stunden in alle wichtigen Teilbereiche der Wissenschaften zu investieren (z.B. Geografie, Meteorologie, Klimatologie, Soziologie und Städteentwicklung) und mit diesem Wissen sich an Weltenbau und Storyentwicklung zu machen. Hat man nämlich einmal verstanden, wie ein System im Generellen funktioniert, kann man dieses Wissen auf die untergeordneten Ebenen und konkreten Situationen anwenden und muss nicht jedes Mal Recherche- und Gedankenaufwand verschwenden. Neben vielen anderen Punkten sind mir diese besonders im Gedächtnis geblieben: (1) Ein Hintergrundrauschen in die Geschichte einbauen, die viele offene Wege bilden, von denen man später einen aufgreifen kann, der wichtig wird. (2) Je mehr ich eine Andersartigkeit einer Welt / eines Systems zur Lösung eines Problems nutze, desto besser muss ich sie beschreiben / erklären. (3) Zufälle dürfen den Charakter in Schwierigkeiten bringen („oh, jetzt beginnt es leider zu regnen“), aber nicht daraus retten.

Das Live-Video zur Session (zum Stimme anhören oder informieren) findet ihr hier. 

Session 12: habe ich daraufhin mit Maggo im Innenhof verbracht und eine knappe Stunde über Pen&Paper gequatscht, was ich beachten muss, wenn ich ein eigenes Abenteuer oder gar ein eigenes Regelwerk schreibe, und wie man das mit den P&P-Runden am besten organisiert. Auch hier habe ich eine lange Liste an Links mitgenommen, die ich mal ausführlicher beleuchten muss, auf jeden Fall habe ich jetzt wieder richtig Lust auf das Projekt bekommen!

Session 13: Schreiben unter Pseudonym von @RyekDarkener

Da saß ich doch tatsächlich am Tisch (beim Einhorn) mit Autorinnen und Autoren, die bei großen Verlagen schon einige Bücher rausgebracht haben oO Die haben erzählt, das Pseudonyme bei großen Verlagen ein beliebtes Mittel sind, um beispielsweise Genre von einander abzugrenzen oder Neuanfänge zu starten, wenn ein oder mehrere Bücher nicht so gut liefen. Ryek Darkener gab noch zu bedenken, dass er mit einem Pseudonym klar Berufliches und Privates trennen kann. Bei manchen Pseudonymen ist das sicherlich auch gut für Suchmaschinen, denn wenn man als Autor beispielsweise Thomas Müller ist (was einerseits ein super häufiger Name und andererseits ein sehr bekannter Promi ist), wird man als Autor bei Google nur selten gefunden werden. Wie ihr vielleicht schon wisst, schreibe ich auch unter dem Pseudonym Luana Casado, aber ich bin mir sicher, wenn man lange genug sucht, wird man auch meinen richtigen Namen irgendwo finden… Ich weiß noch nicht, ob ich das für richtige Veröffentlichungen beibehalten würde, denn einerseits ist es schon etwas besonderes, seinen eigenen Namen auf einem Buchcover stehen zu sehen, andererseits kann ich so noch eine gewisse Distanz zu meinen Werken aufrecht erhalten und die meisten Buchmenschen im Internet (auf Twitter, WordPress und Wattpad) kennen mich eben unter Luana. Wie ihr seht, bin ich noch unentschlossen 😀 Helft mir weiter, wenn ihr eine Lösung habt.

Wenn ihr jetzt auch Lust aufs LiteraturCamp im wunderschönen Heidelberg bekommen habt, kann ich nur die Video-Aufzeichnungen der Vorträge im Hauptraum empfehlen. Die Themenvielfalt dort ist schon ein gutes Abbild dafür, was sonst alles so angeboten wurde. Und diejenigen von euch, die davon trotz Videos nicht genug bekommen können, die sehe ich dann nächstes Jahr im Dezernat 16 🙂

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