(Review) Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

Dieses Buch ist eigentlich kein Buch, sondern eine Zeitmaschine. Sobald ich die ersten 20 Seiten gelesen hatte, war ich nicht mehr im Jetzt und Hier, sondern in einer Zeit, in der ich die Bücher von Enid Blyton verschlungen und hinter jeder Holzvertäfelung, hinter jedem verdächtigen Bücherregal einen Geheimgang vermutet habe. In „Der Ozean am Ende der Straße“ lebt dieses Gefühl weiter. Einerseits liegt das am wunderbar fließenden und schnörkellosen Schreibstil Gaimans zusammen mit den vereinzelten Zeichnungen, die in meiner Taschenbuchausgabe abgedurckt waren, andererseits am Protagonisten, der als Kind selbst gerne solche Abenteuerromane las und sich im Laufe der Geschichte in die ein oder andere dieser Welten flüchtet, wenn er sich von der Realität bedroht fühlt.

Das ändert sich ein wenig, als Lettie Hempstock sein Leben betritt. Das ältere Mädchen, das manchmal schon fast so redet wie eine Erwachsene, nimmt den kleineren Jungen an die Hand und zeigt ihm, dass es möglich und manchmal auch nötig ist, sich seinen Ängsten zu stellen. Nicht selten war ich von den Weisheiten beeindruckt, die Lettie in einfachen Worten so treffend formuliert:

„Ich erzähle dir jetzt etwas Wichtiges. Erwachsene sehen im Inneren auch nicht wie Erwachsene aus. Äußerlich sind sie groß und gedankenlos, und sie wissen immer, was sie tun. Im Inneren sehen sie allerdings aus wie früher. Wie zu der Zeit, als sie in deinem Alter waren. In Wirklichkeit gibt es gar keine Erwachsenen. Nicht einen auf der ganzen weiten Welt.“ Sie dachte einen Moment lang nach. Dann lächelte sie. „Außer Gramma natürlich.“ – Seite 152

Genau wegen diesen Stellen habe ich das Buch genossen, wie man manchmal Schokolade genießt, von der man sich nur kleine Stücke abbricht, damit man den Geschmack länger genießen kann. Auf manchen Seiten habe ich inne gehalten, den Moment oder die Situation gefühlt, und mir gewünscht, das Buch würde nie enden.

Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite (die dann doch zu schnell kam) komplett begeistert, denn es enthält vieles, was ich an guten Geschichten liebe: Abenteuergeist, die Vermischung der Grenzen zwischen Traum und Realität, ein Hauch von Magie (wobei man nie genau weiß, ob es nicht nur große Vorstellungskraft ist) und ein Ende, bei dem weder der Protagonist noch der Leser so genau wissen, ob sie sich die ganze Geschichte nicht nur eingebildet haben.

Zurück bleibt eine Leeren, die man vermutlich nur mit Lettie Hempstocks ganzem Ozean füllen könnte, und der Wunsch noch einmal Kind zu sein, als die Realität der Vorstellungskraft noch keine Grenzen setzte.

Klappentext:

Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs. Und er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es sei ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch. Sie behauptete, man könne durch ihn in eine andere Welt gelangen. Und was dann geschah, hätte sich eigentlich niemals ereignen dürfen … Weise, wundersam und hochpoetisch erzählt Gaiman in seinem neuen Roman von der übergroßen Macht von Freundschaft und Vertrauen in einer Welt, in der nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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