Auszug aus >Hinter den Wolken<

Ihr wartet ja schon etwas länger auf die ersten Kapitel aus „Hinter den Wolken“, aber leider bin ich noch immer am Überarbeiten. Ein Seminar in der Uni zwingt mich nun sozusagen dazu, einen Auszug an meinen Dozenten zu senden, deshalb dürft ihr diesen Auszug ebenfalls lesen 🙂 Sagt bescheid, wie er euch gefällt!

Dieser Auszug steht relativ am Anfang der Geschichte rund um Alba. Die Mitglieder von Albas Familie beherrschen das Traumspringen, also das Besuchen und Manipulieren von fremden Träumen. Vor fünfzehn Jahren war ihre Familie von Europa nach New York geflohen, um der Kontrolle der brutalen Magier-Gilde zu entgehen.

Alba konnte zu Beginn der Geschichte nicht verhindern, dass ihr Vater von einem unbekannten Attentäter im Traum angegriffen wurde und sich seitdem in einem Koma-ähnlichen Zustand befindet. Nun macht sie sich auf den Weg von New York nach Europa, um den Attentäter zu finden und bei den alten Magiern ein Heilmittel für ihren Vater zu suchen.

 

Richtig bewusst wurde mir die Entscheidung Amerika zu verlassen erst, als sich der Zeppelin mit einem sanften Ruck von der Landebrücke löste und Richtung Ozean schwenkte. Die Sonne kroch hinter den Häusern am Horizont hervor und malte glitzernde Streifen auf das Wasser, und obwohl sie die Nacht vertrieb, ließ das Licht der Sonne die Stadt mit einem Mal viel schöner aussehen als zuvor. Ich beobachtete die anderen Passagiere, wie sie aufgeregt tuschelten und voller Freude oder zumindest Aufregung die dreitätige Reise nach Europa antraten. Im Gegensatz zu den anderen überkam mich eine innere Ruhe und ich merkte, wie sich mein ganzer Körper entspannte. Nur ein junger Mann mit hellen blauen Augen und Dreitagebart beobachtete wie ich die anderen Passagiere, indem er seinen Blick ausführlich durch den Raum schweifen ließ.

Die Wärme der Sonne, die durch die Fenster in die Passagierkabine übertragen wurde, machte mich geradezu schläfrig. Eigentlich hatte ich mich noch ein wenig im Schiff umsehen wollen. Ich musste schließlich wissen, wer mit mir reiste, ob ich Schwierigkeiten oder Gefahren zu erwarten hatte, doch mein Körper sank langsam auf einen Sessel mit Blick über den Ozean. Ich wusste nicht, ob es an der Aufregung der letzten Nacht lag oder an der gemütlichen Umgebung, denn anders als sonst konnte mein schläfriger Geist dem Sog der Müdigkeit nichts entgegensetzen. Mein letzter Gedanke, bevor ich mein Bewusstsein ins Reich der Träume freigab, stellte fest, dass dieses Luftschiff ganz anders und vor allem viel heller aussah als das, mit dem ich meine letzte Atlantik-Überquerung bewältigt hatte…

Die Gondel des Luftschiffes Aurora schaukelt hin und her, über ihr hüpft der Gasballon auf den Winden, die die Wellen tief unten aufwirbeln. In der Gondel ist es still. Ab und zu dringen Motorengeräusche bis zur Passagierkabine durch, doch meistens ist nichts zu hören. Das Licht ist gedämpft worden, um Kraftstoff für die restliche Überfahrt zu sparen. Die Sitze und die restlichen Passagiere sind nur schemenhaft zu erkennen, manchmal flammt ein Feuerzeug in der Dunkelheit auf.

Ein Mädchen rutscht tiefer in seinen Sitz und umklammert die Hand seines Vaters. Die Schatten der üppigen Raumdekoration erscheinen ihm wie böse Ungeheuer, die ihre schwarzen Krallen nach ihm ausstrecken. Oder es sind die Männer mit den schwarzen Handschuhen, die uns daheim gesucht haben, überlegt sich die siebenjährige Alba und zieht die Knie an ihren Oberkörper. Ihre kleine Schwester, nur zu erkennen als Bündel in den Armen ihres Vaters, ist mucksmäuschenstill und regt sich nicht. Alba kann noch nicht wissen, dass sie auch die nächsten fünfzehn Jahre keinen Ton von sich geben wird.

Mit anhaltender Dunkelheit kommt auch die Kälte. Mitarbeiter der Luftschiffgesellschaft verteilen Decken im Passagierraum. Dankbar zieht sich Alba ihre bis an die Ohren. Ganz leise pulsiert der Herzschlag des Schiffes durch den Raum, durch die Möbel und auch durch Phoebe selbst, die sich mehr und mehr als Teil des Schiffes sieht. Ihr Körper verschmilzt mit dem samtenen Sessel und gleichzeitig breiten sich die Schatten aus, kriechen aus den Ecken über die Möbel und die anderen Personen, bis sie auch das letzte bisschen Luft vertreibt und alles in kompletter Schwärze versinkt.

Mit größter Anstrengung löste sich mein Bewusstsein von dem Traum. Bei fremden Träumen gelang mir das irgendwie besser und schneller als bei meinen eigenen. Die verfolgten mich oft noch tagelang – aber das lag vermutlich einfach in der Natur der Sache. Ein weiterer Grund, um das Schlafen so oft es ging zu meiden.

Der Raum um mich herum lag im Halbdunkel. Vor die großen Fenster waren Vorhänge gezogen worden, dahinter sah man im Moment wahrscheinlich sowieso nur Dunkelheit. Um mich herum befanden sich nur wenige Leute, die meisten anderen Fahrgäste schliefen wohl gemütlich in ihren Kabinen. Die anderen lasen im warmen Licht der vereinzelten Lampen, die mit ihren gold-gelben Lampenschirmen für Akzente im Ambiente des Luftschiffes sorgten.

[…]

Von meinem Platz aus konnte ich beobachten, wie die Sonne Stück für Stück höher über den Horizont kroch und die Wolken in die unterschiedlichsten Farben tauchte. Bei der zweiten Tasse Kaffee hatte ich die Zeitung ausgelesen, die natürlich nur Gilden-konforme Artikel enthielt, bei der dritten hatte ich entschieden, dass ich einfach gleich nach der Landung zu Epstein gehen wollte, sofern er noch dort wohnte, wo Labrenz ihn vermutete. Ich hatte sonst keinen Anhaltspunkt und auch so schien es mir richtig zu sein, dort zu beginnen, wo mein Vater mich hingeschickt hatte. Es kam mir nur seltsam vor, dass Vater diesen Namen zuvor nie erwähnt hatte.

Ein Schatten fiel auf meinen Tisch und riss mich aus den Gedanken.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte eine melodische Stimme und ich sah auf. Auf der anderen Seite des kleinen Tischchens stand der Beobachter von gestern Abend, nun allerdings frisch rasiert und in einem ansehnlichen Anzug, der seinen schlanken Körper betonte. Seine Augen blitzten mir entgegen. „Sie sehen so aus, als bräuchten Sie ein wenig Unterhaltung“, fügte er hinzu, als ich nicht antwortete.

Ich sah mich im Speiseraum um. Alle anderen Tische waren unbesetzt und ich fragte mich unwillkürlich, was wirklich er von mir wollte, denn um fünf Uhr morgens war der Wunsch nach „Unterhaltung“ doch eine gewagte These.

„Na schön“, willigte ich schließlich ein und setzte mich aufrechter hin. Ich wollte keinen Aufstand provozieren und zugegeben war ich auch ein wenig neugierig, wer der Beobachter war.

Mein Gegenüber bestellte sich einen schwarzen Kaffee, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zündete sich eine Zigarette an. Genüsslich und fast bedächtig nahm er den ersten Zug, dann beobachtete er mich durch den Rauch hindurch. Eine Weile war es still zwischen uns, nur unsere Blicke rangen miteinander darum, wer zuerst aufgeben und etwas sagen würde. Erst der bestellte Kaffee unterbrach die Anspannung.

„Ich wollte Sie eben nicht überfallen und vielleicht sollte ich mich auch zuerst vorstellen, bevor ich von Ihnen Freundlichkeit erwarte. Ich heiße Kev.“

„Alba.“

Ich schlug unter dem Tisch die Beine übereinander und legte meine Hände auf meine Knie. Absichtlich rückte ich dabei meinen Verlobungsring deutlich in sein Sichtfeld. An seinem Blick sah ich, dass er verstanden hatte. Trotzdem blieb er sitzen.

„Es ist so schwer, an solch einem wundervollen Morgen jemanden für eine gepflegte Unterhaltung zu finden.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Alba… Das ist ein spanischer Name, wenn ich mich nicht irre?“ Ich dachte gar nicht daran, in seinen Smalltalk einzusteigen.

„Sind Sie deshalb auf dem Weg nach Europa?“

„Und Sie? Kev… Ihr Name klingt nach unbefriedigter Neugier und offen gebliebenen Fragen. Suchen Sie Ihre Antworten in Lissabon?“ Ich sah ihn mit einem herausfordernd liebenswürdigen Lächeln an.

Kev hielt meinem fordernden Blick stand. Ein Lächeln huschte auch über seine Züge und erleuchtete für einen Moment seine Augen. Dann wurde er wieder ernst.

„Sie sind ungewöhnlich gut gelaunt, wenn man bedenkt, was Ihnen und Ihrem Vater letzte Nacht zugestoßen ist.“

Der Kommentar sickerte wie Eiswasser in meine Gedanken. Damit war für mich das Spiel vorbei.

„Hören Sie zu, Kev. Ich weiß nicht, woher Sie das wissen. Und ich weiß auch nicht, was Sie hier wollen, aber egal was es ist, von mir werden Sie es nicht bekommen!“

Wütend griff ich nach meiner Tasche und stürmte aus dem Speiseraum. Ich musste dringend einen Ort finden, wo ich mich ablenken konnte. Ohne an Europa, meinen Vater oder Kev, den Beobachter, denken zu müssen.

 

Alba weiß nicht so Recht, was sie von Europa und ihrer Suche dort erwarten soll. Kev wird wieder ihren Weg kreuzen, genauso wie alte und neue Bekannte. Wird sie den Attentäter finden, der womöglich das Leben ihres Vaters auf dem Gewissen hat? Kann sie rechtzeitig nach New York zurückkehren, um ihren Vater zu retten? Und was, im Namen der Magie, hat ihr Verlobter damit zu tun?

Bild-Credits: Wikipedia

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