(Review) Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Manchmal ist es nur ein kurzer Sprung von einem Artikel im Spiegel zu einem neuen Lieblingsbuch in meiner Sammlung. Vor etwas mehr als einer Woche las ich das Interview von Klaus Brinkbäumer mit der mysteriösen Elena Ferrante. Ich hatte vorher noch nie von ihr gehört, nicht von ihrer Person, von ihren Werken oder dem inzwischen allgegenwärtigen #FerranteFever.

Elena Ferrante gilt zur Zeit als DAS Mysterium in Literaturkreisen. Niemand weiß, wer sie wirklich ist, wo sie wohnt, was sie tut. Sie macht keine Lesungen, keine Autogrammstunden, gibt nur selten Interviews. Das mit dem Spiegel lief schriftlich, Brinkbäumer musste die Fragen einschicken und bekam einen Teil davon beantwortet zurück. Vielleicht ist sie gerade auch deshalb so erfolgreich, weil sie mit ihrem Erfolg persönlich nichts zu tun haben will.

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Neugierig las ich also das Interview und wurde immer mehr beeindruckt von der Autorin, ihrer Sprache, ihren Ansichten und ihrer Weigerung etwas persönliches über sich oder über ihr Leben zu erzählen. Oft dachte ich: Genau so geht es mir auch! Und wenn das schon ein Interview schafft, wie gut müssen mir dann erst ihre Bücher gefallen?

Ich wollte unabhängig sein, wollte mir selbst das Vergnügen verschaffen, das die Literatur mir verschaffte. Als kleines Mädchen habe ich das Vergnügen zu schreiben lange mit dem Vergnügen zu lesen verwechselt. Ich wusste nicht, dass jemand, der schreibt, keinen Spaß daran hat, sich selbst zu lesen. Das Schreiben kann, während es sich entwickelt, während es eine Seite füllt, ein Vergnügen hervorrufen, das in vielerlei Hinsicht größer ist als das, was ich als Leserin empfinde. Es ist schon paradox. Das Vergnügen zu lesen hat mich zum Schreiben gebracht, aber das Schreiben bereitet mir ein Vergnügen, das ich als meine eigene Leserin nie werde haben können. (Spiegel Nr. 34, S.113)

Als ich eine Tage später das Buch „Meine geniale Freundin“, das den Auftakt der neapolitanischen Tetralogie darstellt, im Buchladen gesehen habe, war es so schnell gekauft und in meiner Tasche verschwunden, dass ich dabei nicht überlegen konnte. Ich wollte dieses Buch lesen.

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Allein wegen der Geschichte hätte ich mir es wahrscheinlich nicht gekauft. Sie handelt von zwei Mädchen, zu Beginn im Grundschulalter, die eine Mischung aus Freundschaft und Rivalität verbindet. Elena, das eine Mädchen, muss sich für ihre guten Noten anstrengen und arbeiten, während Lila, aus ärmerem Hause, scheinbar alles schon kann. Der Leser begleitet die beiden durch Höhen und Tiefen bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr, sieht, wie sich die beiden entwickeln, teilweise in unterschiedliche Richtungen, und ist dennoch Zeuge, wie die Freundschaft an den Veränderungen nicht zerbricht und sich immer wieder neu erfindet. Besonders gut hat mir an dem Buch allerdings die Sprache und die Stimmung gefallen. Hier ein Beispiel: Lila und Elena schleichen sich die Stufen zur Haustür Don Achilles hoch, der, wie sie glauben, ihre Puppen gestohlen hat. Don Achille galt als der „Unhold“ im Viertel und jeder mied ihn und seine Familie.

Auf der vierten Treppe tat Lila etwas Überraschendes. Sie blieb stehen, wartete auf mich, und als ich zu ihr kam, griff sie nach meiner Hand. Das änderte alles zwischen uns, für immer. […] Noch heute spüre ich Lilas Hand, die meine umklammerte, und mir gefällt der Gedanke, dass sie dies zwar zum einen Tat, weil sie ahnte, dass ich nicht den Mut haben würde, bis zum obersten Stockwerk durchzuhalten, aber zum anderen auch, weil sie selbst aus dieser Geste die Kraft zum Weitergehen zog.

So wirkt die Geschichte oft, manchmal weiß der Leser nicht, was wirklich geschehen ist, denn wir sehen alles durch die Augen Elenas, die damals noch ein kleines Mädchen war. Auch von Lila sehen wir immer nur das Bild, das Elena von ihr hat, auch wenn diese eine gute Beobachterin ist  und uns viel von dem schildert, was andere Leute denken könnten. Mir gefallen diese Formulierungen und deshalb habe ich das Buch an einem Tag aufgesogen und würde es am liebsten den ganzen Tag mit mir herum tragen, um die besonders schönen Stellen wieder und wieder zu lesen. Oft genug habe ich darin mich und meine Freundinnen wieder erkannt.

42574Deshalb ist in meinem Kalender auch der 30. Januar groß markiert: Dann erscheint bei Suhrkamp nämlich der zweite Teil, auf den ich jetzt schon ungeduldig warte. Wie geht es mit Elena und Lila weiter? Werden sie, bleiben sie glücklich? Wie verändert sich ihr Leben mit der fortschreitenden Modernisierung, wie es im ersten Teil schon angeklungen ist? Ich freue mich darauf, ihr vielleicht ja auch =)

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