(Review) Unterwerfung von Michel Houellebecq

23929506Irgendwie habe ich mir dieses Buch ein wenig anderes vorgestellt, dieses wohl meistdiskutierteste Buch im Jahr 2015. Ich hatte gedacht, es wäre analystischer, vielleicht empörter, doch damit lag ich weit daneben, was das Buch nicht unbedingt schlechter macht.

Beschrieben wird der Sieg einer islamischen Partei im Jahre 2022, allerdings in einer Koalition mit den zwei anderen etablierten französischen Parteien, um einen Sieg des Front National zu verhindern. Diese Entwicklung trifft den Hauptcharakter Francois unerwartet. Er hatte sich vorher nicht sonders für Politik interessiert und wirkt für mich nun etwas erstaunt darüber, was eine einfache Wahl in seinem Leben von Heute auf Morgen bewirken kann.

Francois verlässt sich in dieser aufgewühlten Situation vor allem auf die Analysen und Meinungen von anderen. Er fühlt sich nur selten in der Lage, eigene Entscheidungen und Überlegungen anzustellen. Oft liest man von dem Wunsch, er hätte sich doch lieber früher für Politik interessiert – allerdings erfährt man auch nie, ob er selbst jemals wählen geht.

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Houellebecq (geboren 1956) ist ein französischer Schriftsteller.

Die Stimmung dabei ist irgendwie apathisch, oder vielleicht liegt das auch nur an Francois Wahrnehmung, denn er fühlt sich unfähig, etwas zu tun. Die Gesellschaft ändert sich schnell, atemlos, von gefühlt Jetzt auf Nachher. Wie es allerdings den Menschen außer Francois geht, bekommt man nur am Rande mit. Er hat kaum feste Beziehungen, seine Arbeitskollegen und die einzige regelmäßige Liebesbekanntschaft verflüchtigen sich. Generell tauchen Frauen nur als Köchinnen oder Sexobjekte auf, nur mit Männern scheint er sich gleichgestellt unterhalten zu können. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ihn diese Entwicklung Frankreichs zu einer sittsamen und zugleich polygamen Gesellschaft nicht so sehr erschüttert, wie ich erwartet hätte.

Dieses Buch fordert den Leser, einerseits durch die teilweise komplizierten politischen Verstrickungen, die ich persönlich sehr interessant fand, andererseits durch die ständen Anspielungen auf französische Autoren. Francois ist Dozent an der Universität, sein Spezialautor ist Huysmans, über den man im Buch ähnlich viel erfährt wie im Wikipedia-Artikel.  Man hätte Francois‘ Überlegungen vielleicht eher folgen können, wenn man die Bücher und Texte kennen würde, über die er philosophiert.

Letztendlich hat mir das Buch gut gefallen, es ließ sich flüssig lesen, auch wenn es meinen Erwartungen nicht ganz entsprochen hatte – im Nachhinein allerdings im positiven Sinne. Ich fand es spannend, welche Veränderungen Houellebecq prophezeit, welche politischen Ziele die Akteure haben und wie die etablierten Parteien reagieren. Vielleicht gilt das aber auch nur für mich als Politik-Studentin 😀

Dieses Buch habe ich im Juni im Rahmen der Aktion “Das Jahr des Taschenbuchs 2016” gekauft und gelesen. Den Artikel dazu findet ihr hier und Informationen zur Aktion hier.

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Beschreibung von Goodreads:

Welches Buch könnte besser in unsere Zeit passen als dieses?

Goncourt-Preisträger Michel Houellebecq erzählt in ›Unterwerfung‹ die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Wahllokale werden überfallen, Autos brennen auf den Straßen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.
›Unterwerfung‹ handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet.

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