(Review) Irisches Tagebuch von Heinrich Böll

Kein Werk von einem irischen Schriftsteller, sondern ausnahmsweise mal etwas über Irland von einem deutschen Schriftsteller.

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Seltsamerweise ist es das erste Buch, das ich von Böll lese, bisher ist er irgendwie an mir vorüber gegangen. Böll war ein sehr politischer Schriftsteller, der sich in der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik in seinen Schriften mit dem aktuellen Geschehen auseinander setzte. Das Irische Tagebuch entstand bereits 1954/55, als Böll mit seiner Familie ein Jahr in Irland verbrachte. Später wird er vor allem in den Sommermonaten noch öfter zum Urlaub nach Irland kommen.

„Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, dass ich eine Grenze überschritten hatte; […] hier roch es schon nach Torf, klang kehliges Keltisch aus Zwischendeck und Bar, hier nahm Europas soziale Ordnung andere Formen an […].“ S.9


Diese Grenze, die Böll beschreibt, verläuft damals zwischen einem wirtschaftlich aufblühendem Kontinentaleuropa und der Insel Irland, die mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen hatte. Generell ist Armut in Bölls Irischem Tagebuch ein zentrales Motiv und taucht immer wieder auf: wenn die Kleidungsgewohnheiten beschrieben werden (von Sicherheitsnadeln oder Kordeln zusammengehalten), wenn es um den Abschied geht, weil schon wieder eines der Kinder in einem anderen Land Arbeit suchen und auswandern muss, wenn die zerfallenen Häuser beschrieben werden, weil ganze Dörfer das Land verlassen haben.

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Es gibt auch Sonnenschein in Irland.

Doch trotz all der negativen Umstände sind die Iren ein freundliches Volk, das sich gerne und gleich auf einen kleinen Plausch einlässt. Böll beschreibt den Dialog zwischen einem Polizisten und einem Autofahrer, dessen Führerschein kontrolliert werden soll. Die beiden schaffen es, sich über mehrere Seiten hinweg über das Wetter zu unterhalten, ohne dass der Führerschein auch nur einmal erwähnt wird. Mir scheint, als wäre diese Anekdote heutzutage noch genauso gültig und treffend wie damals.

„Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen, ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen.“ S. 65

Trotz Armut und ständigem Regen, sodass fremde Kinder glauben, sie müssten ertrinken (S. 110), zeigt ein Kapitel Bölls wie unterschiedlich die Mentalitäten im deutsch-irischen Vergleich doch sein können: Wenn etwas Schlimmes passiert, sagt man bei uns „Schlimmer hätte es nicht kommen können“. Die Iren würden dagegen sagen „It could be worse“, „Es könnte schlimmer sein“ und sei froh, dass es dich nicht so schlimm getroffen hat.

Natürlich sind diese Beobachtungen schon über ein halbes Jahrhundert alt und in der Zwischenzeit hat sich einiges in Irland verändert. Aber Bölls scharfe Beobachtungsgabe legt Eigenheiten frei, die man im Kern heute noch oft erkennen kann.

Fazit: Ein lesenswertes und kurzweiliges Buch, das jeden, der schon mal in Irland war, sofort Parallelen entdecken lässt (und auch einen Haufen erstklassiger Formulierungen).

Beschreibung von Goodreads:
Als die „schönste Liebeserklärung an ein Land“ wird das „Irische Tagebuch“ von Heinrich Böll (1917-1985) oft bezeichnet. Das ist es in der Tat – und ist doch weit mehr. Anders als der Verliebte, dessen Blick sich nur auf Farbenfrohes, Sonnenbeschienenes richtet und Dunkel nicht wahrnimmt, braucht Böll den Schatten, der Konturen erst erscheinen lässt. Mosaikartig setzt Böll Beobachtetes und Erlebtes erzählend zu einem Bild zusammen, in dem die Grundfarbe Grau durch mannigfaltige Abstufungen farbenfroh wirkt und den Betrachter Helligkeit umso intensiver empfinden läßt. Irland, abseits von Wirtschaftswunder und Business-Zivilisation, übergangen vom Tourismus, ein Land, wo die Straßen noch den Kühen und Schulkindern gehören, wo harte Arbeit und Armut keinen Widerspruch bilden und drei von acht Kindern später ihren Lebensunterhalt als Emigranten im Ausland verdienen müssen, wo statt des täglichen Brotes nur der tägliche Regen sicher ist, wo Kirche und Wirtshaus gleichberechtigt zentrale Lebensfunktion haben und der Mensch Maßstab aller Dinge geblieben ist – diesem Irland hat Böll seine Impressionen gewidmet, hat Folkloristisches, Literarisches, Geschichtliches wie Soziales zu einem feinsinnigen Portrait zusammengefügt. Wer schon in Irland war, bei dem löst das „Irische Tagebuch“ Wehmut, vielleicht sogar Heimweh aus. Wer noch nicht auf der „Insel der Heiligen“ war, der wird Sehnsucht nach einem Land empfinden, das er fast schon zu kennen meint.

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