(19) Bewegung

JCK1236 – 30.04.1265 – 15:10

Mit brennenden Augen und schmerzendem Rücken saß Jane an einem der Terminals im Rebellenquartier und klickte sich durch die Meldungen der Regierung. Das Ergebnis war zerschmetternd: Kein Hinweis auf den Verbleib ihres Mannes oder der Kinder. Nichts. Man hatte sie von Schule und Kindergarten abgemeldet, aus allen Karteien gestrichen, fast als hätte es sie nie gegeben. Frustriert schlug Jane ihre Faust auf die Glasplatte des Terminals und schloss die Augen.

„Jane, mach dich nicht verrückt.“ Eliza trat neben ihren Stuhl und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Deinen Kindern geht es gut, glaub mir. Selbst wenn du noch Stunden vor dem Bildschirm sitzt, machst du es dir nur schwerer.“

Aus ihrer rauen Stimme konnte Jane den Schmerz sprechen hören. Nachdem Jane von ihrer Begegnung mit Simon zurückgekehrt war, hatte Eliza ihr erzählt, dass sie vor vielen Jahren Ähnliches durch gemacht hatte. Ihr Mann war kurz zuvor gestorben, zusammen mit den zwei Jungs hatte sie die Situation einfach überfordert. Ein Anruf der Schwiegermutter später und Elizas Kinder waren weg. Egal, wo sie bisher nach ihnen gesucht und gefragt hatte, niemand wusste etwas über ihren Verbleib. Mit diesem Wissen fiel es Jane irgendwie leichter, Elizas kühle Befehle und ihre Distanziertheit zu verstehen.

„Das Wichtigste ist jetzt, unerkannt zu bleiben, damit wir in Ruhe einen Plan ausarbeiten können…“

Elizas Gedanken wurden durch das Zuschlagen der Tür unterbrochen. Im Raum standen nun zwei Rebellen, in ihrer Mitte hielten sie einen Mann an den Oberarmen fest, der sich gegen diese Behandlung heftig wehrte.

„Lassen Sie mich los! Was fällt Ihnen ein?“

„Simon?!“ Jane war aufgesprungen und hatte einen Satz nach vorne gemacht. „Was denkst du dir dabei hier aufzutauchen? Und wie hast du uns überhaupt gefunden?“ In ihrer Stimme schwang Zorn und Angst, denn wenn Simon von dem Versteck wusste, konnten die Wächter nicht mehr weit sein.
„Wir haben ihn draußen aufgesammelt“, meinte einer der Rebellen, „er hat vor dem Fitnessstudio herumgelungert und ein paar Passanten nach einer ‚geheimen Organisation‘ gefragt. Bevor er noch mehr Wirbel machen konnte, haben wir ihn unauffällig hereingebracht.“

„Jane, bitte, ich muss mit dir sprechen“, setzte Simon an, doch der andere Rebell drückte seinen Oberkörper nach vorne und drehte den Arm auf den Rücken, sodass Simon vor Schmerzen aufstöhnte und daraufhin schwieg.

Jane wusste nicht, was sie tun sollte. Einerseits hätte er mich ohne zu zögern erschossen, wenn er mich nicht erkannt hätte. Andererseits hat er sich dem Befehl schließlich verweigert. Und wie ein aktiver Wächter im Dienst sieht er auch nicht gerade aus. Simons Kleidung war zerknittert und dreckig, die Maske zerschrammt und das Display dunkel. Es konnte aber genauso gut eine Falle sein.

„Lasst ihn sprechen“, entschied sie schließlich. Was konnte schon passieren?

Der Rebell lockerte seinen Griff und Simon richtete sich auf. „Ich möchte mit dir allein sprechen. Und ohne Maske.“

Auch wenn es Jane ein wenig widerstrebte, fand sie sich ohne Maske im Abstellraum wieder, wo sich noch immer die angestaubten Karteien stapelten. Simon saß ihr, ebenfalls maskenlos, gegenüber.

„Was soll das, Simon? Und warum müssen wir ohne Masken miteinander reden?“ Obwohl Simon ihr vertraut war und sie ihn kannte, oder zu kennen glaubte, fühlte sie sich nackt und verwundbar.

„Die Wächter haben mich zum Abschuss freigegeben. Über die Masken können sie herausfinden, wo ich bin, deshalb müssen wir uns auch beeilen. Im Moment habe ich sie abgehängt, weil ich die Akkus meiner Maske ausgebaut habe. Meine Maske ist nur noch Schein.“

„Aber was ist mit der Seuche? Womöglich bist du schon krank und steckst mich gerade an!“

Doch in dem Moment, als Jane den Satz aussprach, wusste sie, dass es nicht so sein konnte. Simon war den ganzen Tag ohne funktionierenden Atemschutz in der Stadt unterwegs gewesen, eigentlich müsste er längst sichtbare Anzeichen der Seuche aufweisen.

„Wie kann das sein?“, entfuhr es Jane.

Simon grinste. „Kennst du schon meinen Freund Clarence?“

 

Simon berichtete über den neuesten Stand der Forschung, was Clarence vor ein paar Tagen herausgefunden hatte und auch warum er sich gerade in einer so misslichen Situation befand. Tammy weigerte sich, ihn in die Wohnung zu lassen, weil er von nichts anderem mehr als der Seuche sprach.

Ungläubig starrte sie Simon an. „Ich muss mit diesem Clarence sprechen“, entschied sie nach einem langen Moment des Schweigens. „Womöglich hat er noch weitere Informationen, die uns einen strategischen Vorteil verschaffen könnten.“

„Das glaube ich zwar nicht“, warf Simon ein, „aber ein Besuch wird ihm nicht schaden. Wahrscheinlich hat er auch schon seine Frau zu sich geholt, dann können wir vorläufig gemeinsam untertauchen.“

Jane wollte schon aufstehen, aber Simon hielt sie noch einen Moment fest. „Zuerst sind deine Rebellen dran. Wir brauchen Verbündete, wenn wir das durchstehen wollen.“

 

Ein Großteil der Rebellen hatte sich um den großen Tisch in der Mitte des Raums versammelt, es waren so viele, wie man in der kurzen Zeit hatte erreichen können. Ein angespanntes Murmeln erfüllte den Raum.

„Was ist den los, Eliza, warum so geheimnisvoll?“

„Ruhe!“, unterbrach Eliza energisch die andauernden Zwischenrufe und -fragen. „Es scheint so, als hätten wir wieder eine reale Chance, gegen das System und die Wächter zu bestehen. Aber hört es selbst aus erster Hand.“

Eliza deutete auf Simon, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, aber jetzt nach vorne trat. Sein maskenloser Blick flog über die Anwesenden, Jane sah ihnen an, dass viele nicht so recht wussten, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten.

„Wie ihr seht“, begann Simon, „stelle ich mich ohne Maske vor euch. Genau genommen trage ich seit vorgestern Mittag keinen Atemschutz mehr. Seitdem war ich an verschiedenen Stellen der Stadt unterwegs. Das beweist, dass die Forschung bislang Recht hat: Die Seuche ist eine Lüge.“

Mehrere Rebellenmitglieder schnappten hörbar nach Luft und begannen aufgeregt miteinander zu tuscheln. „Wer sagt, dass du uns nicht anlügst? Jane sagt, du warst bei den Wächtern.“

Diese sorgte daraufhin mit einem lauten Klatschen für Ruhe. „Bitte, es ist jetzt äußerst wichtig, dass ihr zuhört. Ich vertraue Simon. Wer grundlegende Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Aussagen hat, verlässt jetzt bitte den Raum. Wir müssen uns auf euch alle blind verlassen können. Wer hier bleibt, verpflichtet sich zu Verschwiegenheit und Gehorsam Eliza, Simon und mir gegenüber.“

Zuerst rührte sich niemand, doch dann verließen nach und nach etwa ein Drittel der Rebellen den Raum. Die, die blieben, kannte Jane fast alle vom Sehen; manche von ihnen hatten ihr schon bei der Auseinandersetzung mit Eliza beigestanden. Auf diese Leute konnten sie sich verlassen.

Simon verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wippte unruhig auf den Fußballen. „Nehmt jetzt eure Masken ab.“ Auf seine Anweisung hin entfernten die Rebellen die Akkus und vorsichtshalber noch den GPS-Sender, man wusste ja nie, wie weit die Wächter mitdachten. Auch Jane präparierte ihre Maske und als sie sie wieder aufsetzte, dachte sie daran, dass bald niemand mehr mit einer Maske auf die Straße gehen musste, wenn sie Erfolg hatten. Aber würden die Menschen die Bequemlichkeiten und Funktionen der Technologie für einen Schritt in die Freiheit opfern? Irgendwie bezweifelte sie das.

„Verteilt euch jetzt wie abgesprochen. Versucht, Knotenpunkte in der Stadt herauszufinden, die man gut sehen, aber nicht so leicht erreichen kann.“ Simon sah jeden Anwesenden lange an. „Wir treffen uns dann heute Abend. Sollten Jane und ich nicht auftauchen, wartet nicht auf uns.“

 

Mit ein paar Minuten Abstand verließen Jane und Simon die Rebellenzentrale und trafen sich ein paar Ecken weiter an einer Kreuzung wieder. Jane war bis zum Zerreißen angespannt, ihr ganzer Körper zitterte. Was, wenn uns ein Wächter begegnet? Die dunklen Bildschirme werden ihn sofort misstrauisch machen. Simons Hand griff nach ihrer und zog sie weiter, Jane war gar nicht bewusst gewesen, dass sie stehen geblieben war. Simons Berührung gab ihr ein wenig Zuversicht. Dennoch hielt sie den Blick gesenkt und vermied alles, was den Passanten zu sehr auffallen könnte.

„Hier ist es“, meinte Simon nach einer Weile und zog sie in einen Hauseingang. So wie das Gebäude aussah, hätte Jane es nie im Leben freiwillig betreten. Der Putz war an den meisten Stellen heruntergebröckelt, dort, wo er noch hing, war er verschmutzt und dreckig. Der Boden wies unzählige, nicht identifizierbare Flecken auf, vor allem in den Ecken. Glas knirschte unter ihren Schuhsohlen, als Simon sie zum Aufzug führte. Er bewegte sich hier wie selbstverständlich und Jane fragte sich, was sie neben seinem Wächter-Leben noch alles nicht von ihm wusste.

Der Fahrstuhl brachte sie in den achten Stock. Vor ihnen erstreckte sich der dunkle Flur, von den mehr oder weniger stabil aussehende Türen abgingen. Plötzlich blieb Simon stehen.

„Was ist?“, fragte Jane ihn flüsternd.

„Die Tür steht offen.“ Einen Moment schien Simon das Risiko abzuwägen. „Ich gehe allein, warte du hier.“

Schon war er unterwegs. Jane dachte allerdings nicht daran, alleine auf dem Flur zu warten und folgte Simon mit etwas Abstand.

Die Wohnung, die sie betraten, wirkte nicht viel besser als der Rest des Hauses. Immerhin war es einigermaßen sauber, wenn auch genauso heruntergekommen. Kein Geräusch war aus der Wohnung zu hören. Simon sah sich aufmerksam um, sein ganzer Körper schien unter Hochspannung zu stehen – dann blieb er plötzlich abrupt stehen. Ein leises „Nein!“ entwich ihm und er sank auf die Knie.

Halb vom Wohnzimmertisch verdeckt sah nun auch Jane jemanden auf dem Boden liegen, die Maske war ihm abgenommen worden, seine Augen starrten bewegungslos ins Nichts. Zwei rote Flecken hatten sich auf seiner Brust ausgebreitet.

„Alles nur wegen mir“, murmelte Simon. „Das ist eine Warnung an mich. Dass sie uns auf den Fersen sind. Dass ich genauso ende, wenn sie mich erwischen. Verdammt!“ Simon sprang auf und trat mit voller Kraft gegen den Wohnzimmertisch, sodass er durch das ganze Zimmer und gegen die nächste Wand flog und dort in mehrere Teile zerbrach.

„Simon!“, Jane nahm ihn am Arm und drehte ihn zu sich. „Wir müssten ihr weg. Möglichst unauffällig. Womöglich haben sie uns schon bemerkt oder sind noch im Haus.“

Simon atmete tief ein und aus. „Dann beeilen wir uns.“

 

Im Laufschritt erreichten sie den Aufzug, mit dem sie wieder ins Erdgeschoss fuhren. Durch den Glaseinsatz der Haustür konnten sie sehen, dass auf der Straße gerade ein Fahrzeug mit Blaulicht hielt.

„Scheiße. Komm, hier entlang.“ Simon zog Jane wieder zurück Richtung Aufzug, schlüpfte jedoch durch eine Tür direkt daneben. Jane folgte ihm, ohne zu fragen. Nach mehreren Sicherheitstüren erreichten sie eine Art Innenhof – und saßen in der Falle. Jane konnte keine weitere Tür entdecken, nur die, aus der sie gekommen waren.

„Komm weiter“, meinte Simon atemlos und schritt voran. An der gegenüberliegenden Wand hielt er inne und begann schließlich, nach oben zu klettern. Erst jetzt bemerkte Jane die ins Mauerwerk eingelassenen Streben, durch die man – fast wie auf einer Leiter – nach oben gelangte. Das ist verrückt, dachte sie sich, bevor sie einen Fuß auf die erste Sprosse setzte, aber allemal besser, als den Wächtern direkt in die Arme zu laufen.

„Beeil dich!“, rief Simon von oben, er hatte schon das Dach des Hauses erreicht. „Sie kommen!“

Wie auf Kommando knallten im Hof plötzlich Schüsse und Verputz regnete rechts und links an Jane herab. Simon streckte einen Arm aus, um ihr nach oben zu helfen, doch dann schrie er auf und zog sich wieder zurück. Sie haben ihn getroffen!, dachte Jane panisch und rettete sich die letzten Meter über die Dachkante. Simon kniete ein paar Meter weiter, die rechte Hand auf den linken Oberarm gepresst, dunkelrotes Blut quoll unter seinen Fingern hervor.

„Los, weiter“, zischte er.

Jane erwiderte nichts, sondern folgte ihm einfach nur. Sie konnte im Moment sowieso nichts für ihn tun. Das Knallen der Schüsse verhallte, Stille senkte sich über die Dächer, als die beiden von Haus zu Haus kletterten.

„Warte, ich weiß wo wir sind“, rief Jane auf einmal aus, „hier gibt es ein gutes Versteck.“ Und abgesehen davon schafft es Simon sowieso nicht mehr weiter. Vorsichtig blickte Jane nach unten. „Das ist mein altes Büro. Aus meinem Fester konnte ich immer das Gebäude dort sehen.“

„Wir können nicht über den Aufzug runter“, meinte Simon, „der wird mit Sicherheit überwacht.“

„Dann über die Feuertreppe. Schaffst du das?“

Ohne zu antworten ging Simon mit gesenktem Kopf voran. Es dauerte gefühlte Stunden, bis sie die abertausend Stockwerke bis in den Keller bewältigt hatten, doch schließlich hatten sie es geschafft. Die Sohlen quietschten noch immer auf dem Boden und als sie die Stahltür hinter sich schlossen, schien es Jane fast, als wollten sie die Pflanzen winkend begrüßen.

Mitten in der Plantage suchten sie sich ein geschütztes Lager. Jane befürchtete, dass Simon schon zu viel Blut verloren hatte, denn seine Beine zitterten, als er sich auf den Boden nieder ließ und mit blutigen Händen die Maske von Gesicht riss. Mit einem Streifen ihres T-Shirts versuchte sie, den Arm provisorisch abzubinden, aber sie hatte so etwas bisher nur im Film gesehen und wusste nicht, ob es reichen würde.

„Wie lange sollten wir hier warten? Werden sie uns noch lange suchen?“

Simon öffnete mit Mühe seine Augen und sah Jane dann lange an. „Sie werden nie aufhören uns zu suchen, uns zu jagen, so lange … bis sie uns durchlöchert in irgendeiner Ecke liegen lassen…“ Simons Lider schlossen sich wieder, und nach und nach begannen Tränen über seine Wangen zu fließen.

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