(18) Neue Wahrheit

SHB1240 – 28.04.1265 – 16:28

Ein paar Tage vergingen. Niemand meldete sich bei Simon, niemand verlangte etwas von ihm. Er verlange von sich selbst nur noch das eine: zu Jane zu gehen, sich zu entschuldigen, mit ihr zu reden. Doch bislang konnte er den Mut, den er brauchte, um sich aufzuraffen, nicht aufbringen.

Der einzige, der ab und zu bei ihm vorbei schaute, war Kyle, der Besitzer des Caligo. Er hatte ihm zu seiner neuen Wohnung verholfen, oder vielmehr zu dem Zimmer, denn viel größer war die Behausung wirklich nicht. Sie lag zwei Stockwerke unter dem Caligo und war nur mit dem Nötigsten eingerichtet, denn jeder, der hier wohnte, hoffte nicht lange bleiben zu müssen.

„Simon, ich muss wieder nach oben.“ Kyle kämpfte sich und seine Wampe mit einiger Mühe vom ausgesessenen Sofa nach oben. Seine Knie knackten gefährlich, als er sie belastete. „Mach keinen Scheiß, Junge. Wenn sich alles ein wenig beruhigt hat, kannst du auch wieder bei mir anfangen. Überleg’s dir.“

„Danke, Mann. Aber ich kann mich im Moment nirgends blicken lassen.“

Kyle nickte, wandte sich um und schob seinen dicken Bauch durch die schmale Tür.

Eigentlich hatte er Simon ein paar Dampf-Phiolen bringen wollen, doch Simon hatte dankend abgelehnt. Er musste nachdenken, und dafür brauchte er einen freien Kopf. Wie konnte er herausfinden, wo sich Jane aufhielt? Wie konnte er dorthin gelangen, ohne dass er den Wächtern einen Grund gab ihn festzunehmen? Und vor allem: Was sollte er Jane sagen, wenn er sie gefunden hatte?

Eine neue Nachricht riss ihn aus seinen Überlegungen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie geladen war, und Simon war sich nicht einmal ganz sicher, ob es an der alten Maske oder an der schlechten Empfangsverbindung lag.

Die Nachricht war von Clarence.

„Ich muss mit dir reden“, schrieb er, „am besten sofort. Wo steckst du?“

„Komm einfach ins Caligo“, antwortete Simon etwas verwundert. Selten verlangte es Clarence so dringend nach einem Gespräch, gerade wo sie sich erst vor ein paar Tagen das letzte Mal gesehen hatten. Nichtsdestotrotz ging er nach oben und wartete in einer unauffälligen Ecke.

Es dauerte nicht lange und Clarence trat durch die Eingangstür. Suchend blickte er sich um, entdeckte Simon und eilte dann mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern auf ihn zu.

„Simon, schön dich zu sehen“, entfuhr es Clarence erleichtert, noch bevor er sich setzte.

„Ja, finde ich auch.“ Aufmerksam betrachtete Simon seinen alten Freund. Er wirkte unruhig und angespannt, ständig blickte er sich um und nestelte dabei am Saum seines Pullis herum.

„Können wir hier reden?“ Wieder ein Blick über die Schulter.

Simon folgte seinem Blick, der Raum war leer. „Ja, natürlich.“

Clarence schien sich ein wenig zu sammeln, dann brach es aus ihm heraus: „Ich hatte endlich Erfolg mit meiner Forschung, und es ist schrecklich. Ich habe Grund zur Annahme, dass die Seuche von Menschen entwickelt und vor allem ständig von ihnen weiterentwickelt wurde.“

Simon runzelte die Stirn. Von Menschen entwickelt? Das klingt im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich. „Bist du dir da sicher?“

„Eine andere Erklärung kann es nicht geben, es passt alles genau zusammen. Bei jedem Erkrankten konnten wir noch im Nachhinein eine gezielte Infektion nachweisen. Wir haben alle Toten aus dem Lager noch einmal geprüft, es kann keine andere Erklärung geben.“

Simon schwieg. Er brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verdauen. Wenn die Seuche nicht natürlich war, konnte demnach die Natur auch kein Auslöser darstellen. „Wie stecken sich die Menschen denn dann an?“, sprach er seinen nächsten Gedanken laut aus.

„Jeder Erkrankte hatte so etwas wie eine Einstichstelle, wie ein kleiner Mückenstich, über den die Erreger in den Körper kamen. Meistens befand sich die Stelle…“

„… am Nacken“, vervollständigte er Clarence‘ Satz. Simons Körper wurde abwechselnd heiß und kalt und sein Magen fühlte sich an, als würde sich dort ein Unwetter austoben.

„Ja, stimmt. Aber auch an anderen Stellen, oft am Rücken. Woher, in aller Welt, weißt du das?“

Simon konnte nicht antworten. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Was hatte er getan? Was hatten die ganzen Wächtern getan? Wie vielen Menschen hatte er den Tod gebracht, ohne es zu wissen? Er dachte an Lorrie und ihr Gehabe und ihm wurde schlecht. Sie saß dort oben in diesem Palast aus Glas und Holz und entschied mit einem symbolischen Fingerzeig über Leben und Tod. Und keiner wusste davon. Jeder dachte, die Wächter brächten Frieden.

Ihm fiel ein Satz ein, den Lorrie bei ihrer letzten Begegnung gesagt hatte: „Gerade in den nächsten Wochen muss ich meinen Wächtern vertrauen können.“ Was meinte sie damit? Und was wollte sie mit dem Kamerateam in ihrem Büro? Simon war wütend auf die Organisation und auf sich selbst. Dass es ihn nie gekümmert hatte, was mit den „Festgenommenen“ danach passierte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und sein Gesicht begann zu brennen. Dafür sollte Lorrie büßen!

„Simon, woher weißt du von der Einstichstelle?“, hakte Clarence noch einmal nach und Simons Wut auf die Wächter verlor ein wenig an Temperatur. Er konnte die Wächter nicht allein dafür verantwortlich machen.

„Weil ich sie damit infiziert habe. Ich habe sie umgebracht, Clarence.“

Keine Regung verriet Clarence Gedanken, auch das Bild auf seiner Maske gab keinen Hinweis darauf, was in Clarence gerade vorging. Ein weiteres Mal verfluchte Simon die Masken für die Möglichkeit, alles dahinter zu verstecken.

„Es sind die Wächter“, berichtete Simon weiter, als Clarence schwieg. „In ihren Waffen muss die Seuche konzentriert sein und wenn sie auf jemanden schießen, infizieren sie ihn.“

„Wie konntest du das tun?“, flüsterte sein Freund, so leise, dass Simon die Frage fast überhört hätte.

„Ich wusste nicht, was die Waffen anrichten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es bei den Wächtern zu geht.“ Und solche Menschen entscheiden über unser Leben in der Stadt.

„Und was machen wir jetzt?“

Simon zuckte mit den Schultern. „Die Wächter haben mich rausgeschmissen, also haben sie theoretisch keine Macht mehr über mich…“ Und in diesem Moment fügte sich ein weiteres Puzzleteil in seinen Gedanken dem Gesamtbild hinzu. Seine Wächtermaske hatte ihm Macht verliehen, vor allem um herauszufinden, wo sich Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt befanden, aber auch um die Informationen der Menschen zu ihrer Umwelt zu manipulieren. Die Masken mussten der Schlüssel zur restlichen Macht der Wächter sein… und eben diese hatten soeben ihre Berechtigung verloren. Die Masken schützen nicht vor der Seuche. Sie machen die Menschen einfach nur gefügig.

Simon riss sich mit einem Schrei das Stück Plastik vom Gesicht und schmiss es durch den Raum. Wie mit anderen Augen betrachtete er die Welt um sich herum, ohne Display, ohne Filter davor. Auch seine Nase nahm andere Dinge war: der leicht stechende Duft der Glasphiolen, der neue Kunstlederbezug der Sitzbänke. Simon grinste seinen Freund an und meinte: „Nimm sie ab.“

Clarence schien wie versteinert und rührte sich nicht.

„Los, mach schon. Du hast mir eben selbst erzählt, dass die Seuche nicht natürlichen Ursprungs ist.“ Er beobachtete, wie Clarence mit sich rang, zögerte, die Hand aber dennoch hob und langsam die Luftdichtungen der Maske löste. Dann sah Clarence ihn an und Simon merkte, dass er ihn wirklich ansah, nicht nur ein dumpfes Gefühl des beobachtet Werdens, sondern er konnte sehen, wie Clarence Augen auf seinem Gesicht ruhten. Ein Hochgefühl breitete sich in Simon aus und sein Grinsen wurde breiter.

„Clarence, wir haben einen Plan.“

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