(17) Beflügelt

Die Zeit schien für Simon plötzlich still zu stehen. Wie im Standbild sah er Jane um die nächste Häuserecke biegen, bevor er realisieren konnte, was gerade geschehen war. Er hatte nicht nur Janes Leben komplett zerstört, sondern auch seine eigene Existenz ruiniert. Und Eric ist daran schuld.

Wie hatte sein Bruder so etwas nur tun können? Er hatte immerhin seine eigene Frau verraten und angezeigt. Mitgliedschaft bei den Rebellen, war kein Delikt, das nur mit einem Bußgeld bestraft wurde. Zum ersten Mal dachte er an die anderen Stadtbewohner, die er während seiner Zeit bei den Wächtern festgenommen hatte, dachte an ihre Familien, ihre Freunde. Simon wusste noch nicht einmal, warum er die Leute festgenommen hatte. Ich habe nicht einmal für mich entscheiden können, ob ich es moralisch richtig fand, dass sie festgenommen wurden, ich habe nur funktioniert und Befehle ausgeführt. Und auch bei mir wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis ich etwas von den Wächtern zu hören bekomme.

Irgendwann bemerkte er wie ihn vereinzelt Fußgänger passierten und seltsam anstarrten, bevor sie schnell die Maske abwandten. Mit zitternden Fingern sicherte er seine Waffe und steckte sie in den Holster. Eigentlich gab es für ihn im Augenblick nichts zu tun als abzuwarten, bis die Wächter ihn zu sich bestellen. Denn seine Weigerung den Auftrag auszuführen, würde mit Sicherheit Konsequenzen haben.

Für einen Moment erwog er, in seine Wohnung zurückzukehren, das Wichtigste zusammenzupacken und zu fliehen, doch aus zwei Gründen verwarf er die Idee gleich wieder: Einerseits gab es nichts von Wert in seinem Besitz, das ihn dazu verleiten würde, ein solches Risiko einzugehen; andererseits wusste er nicht, warum er sein Leben retten sollte. Es bestand sowieso nur aus Niederlagen.

Er dachte an Jane, wie er sie vor ein paar Tagen noch getröstet hatte und sie trotzdem kämpferisch nach vorne geblickt hatte. Es beeindruckte ihn, dass sie selbst jetzt noch nicht aufgeben wollte. Genau das unterschied ihn von Jane. Er wurde von Niederlagen nach hinten geworfen, Jane hielt dagegen an. Sie schaffte es, aus jedem Rückschlag stärker hervor zu gehen. Als plötzlich das Nachrichtensymbol hektisch rot aufblinkte, atmete er tief ein und streckte den Rücken durch. Er wollte sich an ihr ein Beispiel nehmen. Es konnte schließlich nicht viel schlimmer werden.

 

Eine viertel Stunde später stand er zum zweiten Mal in Lorries prächtigem Arbeitszimmer. Lorrie war wie immer äußerst elegant und passend zu ihrem Maskenbild gekleidet und stand im farblichen Gegensatz zu den muskelbepackten und ganz in Weiß gekleideten Wächtern, die rechts und links hinter ihrem Schreibtisch Aufstellung genommen hatten. In einer Ecke bereitete ein Kamerateam sein Equipment vor.

Simons Herzschlag pochte in einem ruhigen und regelmäßigen Rhythmus durch seinen Körper, im Vergleich zum letzten Mal hatte er weder schweißnassen Hände noch Schuldgefühle. Würde er noch einmal auf Jane treffen, würde er alles genauso machen. Auch deshalb brachten ihn Lorries Fragen heute nicht aus der Ruhe.

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?“, zischte sie unter ihrer Maske hervor. „Nicht nur, dass Sie sich expliziten Anweisungen widersetzt haben, Sie haben dazu noch vertrauliche Informationen…“

„Sie können nicht von mir verlangen, auf meine eigene Familie zu schießen!“, fuhr Simon dazwischen.

„Doch, das kann ich. Es wäre für Sie die letzte Stufe gewesen, um uns zu zeigen, wie verbunden Sie sich mit unserer Organisation fühlen. Da Sie diesen Test…“ (Simon schnappte verärgert nach Luft: Sie nannte das einen Test!) „…offensichtlich nicht bestanden haben, fordere ich Sie auf, Ihre Waffe und Ihre Maske abzulegen. Sie sind bis auf Weiteres suspendiert. Gerade in den kommenden Wochen muss ich meinen Wächtern vertrauen können. Sie haben dieses Vertrauen verspielt.“ Lorrie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich würde Ihnen raten, den Wächtern und damit den Bürgern der Stadt nicht mehr in die Quere zu kommen. Haben Sie mich verstanden?“

Simon verstand allerdings nur zu gut, was Lorrie damit eigentlich sagen wollte: Sollten wir dich noch einmal in der Stadt, gibst du uns damit einen Grund dich festzunehmen und wegzusperren. Langsam griff er zu seiner Pistole, zog sie hervor und legte sie auf den Tisch. Dann zögerte er einen Moment. Die Privilegien einer Wächtermaske waren sicherlich das erste, was er von seinem Job vermissen würde, und vielleicht auch das einzige. Dennoch zog er sich den Bildschirm vom Gesicht und bedeckte sich gleich wieder mit einer von Lorrie gereichten Maske. Sie war ein offizielles Modell der Regierung, was bedeutete, dass sie nur das Allernötigste konnte, und sie war bestimmt schon zwei oder drei Modell-Generationen alt. Doch seine Daten übertrugen sich schon automatisch, was ein gutes Zeichen zu sein schien.

„Leben Sie wohl, Simon.“ Selbst bei diesen Worten war Lorries Stimme kühl und gefühlsleer.

Simon erwiderte nichts, sondern drehte sich einfach um und ging, kehrte all dem Druck und der Unterdrückung den Rücken und fühlte sich gut dabei. Während er die Flure entlang schritt und das Empfangszimmer durchquerte, schlich sich der Anflug eines Grinsens auf Simons Gesicht. Die Mitarbeiter, die ihm auf seinem Weg nach unten begegneten, blickten ihm hinterher, als wäre er ein Kuriosum. Simon hatte keine Ahnung, was seine Vorgänger gemacht hatten, als sie in seiner Situation waren, vielleicht hatten sie darum gebettelt und Lorrie angefleht, sie nicht hinauszuwerfen, vielleicht war genau das die Antwort auf den Test, den Lorrie erwartete: komplette Unterwerfung.

Als Simon jedoch durch die verspiegelten Türen das Wächtergebäude zum hoffentlich letzten Mal verließ, löste die frische Luft in Simon ein Vibrieren aus, das sich durch seinen ganzen Körper zog. Zum ersten Mal dachte er nicht daran, welche Arbeit er sich nun suchen sollte, denn er wollte, konnte sich bei keiner Arbeit mehr offiziell bewerben.

Kurzerhand ging er ins nächstbeste Wohngebäude, fuhr mit dem Aufzug ganz nach oben und nahm die Treppe bis aufs Dach des Hauses. Mit vorsichtigen Schritten tastete er sich bis zur Kante vor. Wind erfasste ihn wie ein zweiter Lebenshauch und langsam breitete er die Arme aus, um dem Wind mehr Angriffsfläche zu bieten. Ich könnte jetzt fliegen, überlegte sich Simon, es wäre ganz einfach. Niemand würde je wieder etwas von mir erwarten, niemand würde jemals mehr von mir enttäuscht. Er nahm die Maske ab und schloss die Augen. Kühl fuhr die Luft über sein erhitztes Gesicht, nahm ihm seine Zweifel, ebenso wie seine Fragen, seine Unsicherheit. Und mit einem Mal war alles klar: Er konnte noch nicht fliegen. Er hatte noch einen letzten Auftrag zu erledigen, bei dem er ein letztes Mal nicht versagen durfte.

 

 

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