(16) Getrennte Wege

SHB1240 – 25.04.1265 – 12:04

Schließlich war es ein schmaler Streifen Sonnenlicht, der Simon direkt ins Gesicht strahlte und ihn zum Aufstehen bewegte. Richtig geschlafen hatte er sowieso nicht, seit Clarence gegangen war. Stöhnend setzte er sich auf und versuchte, die plötzlich stechenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Shit. Nie wieder freie Tage. Natürlich wusste er, dass er daran selbst schuld war. Aber auch der Zentrale würde es nicht gefallen, wie er sich abgeschossen hatte.

Suchend blickte er sich im Wohnzimmer nach seiner Maske um, schließlich war er heute wieder im Dienst, doch er konnte sie nirgendwo finden. Erinnerungsfetzen von der letzten Nacht blitzten auf, ein Mädchen, das ihm im Schlafzimmer die Maske vom Gesicht zieht. Die restlichen Bilder verdrängte er vorsorglich.

Auf unsicheren Beinen kämpfte er sich durch die Wohnung, von den Kopfschmerzen immer wieder zum Innehalten gezwungen. Als er endlich seine Maske in den Händen hielt und aufsetzte, blinkte ihm groß und rot eine neue Nachricht entgegen.

Das kann nur ein neuer Auftrag von Lorrie sein, überlegte sich Simon. Bevor er jedoch zur Kenntnis nahm, was sie nun wieder von ihm wollte, bestellte er im Apothekenzentrum ein paar Tabletten gegen seine Kopfschmerzen, und ging erst einmal ausgiebig duschen.

 

Eine gute Stunde später trat er auf die Straße hinaus. Das Sichtfeld hatte er gegen die schmerzend helle Sonne abgedunkelt, den Geräuschfilter auf höchster Stufe eingestellt. Die Kopfschmerztabletten begannen zu wirken. So fühlte er sich gegen die Hektik der Stadt gewappnet. Auf dem Weg in die Innenstadt las er sich in seinen neuen Auftrag – und war ein wenig enttäuscht. Wieder eine Festnahme, wieder im Büroviertel. In letzter Zeit wurden die Aufträge etwas eintönig, Simon hätte gerne wieder irgendwelche Störsender von Dächern gesprengt.

Aber wenigstens muss ich nicht den ganzen Tag in einem sterilen Büro sitzen, dachte er, während er die Passanten beobachtete. Ausnahmslos Krawatten- und Blusenträger, die von ihrer Arbeit zur Mittagspause und zurück hetzten. Keiner wollte sich unnötig lange im Freien aufhalten und Zeit verschwenden. Betont langsam schlenderte Simon daher durch die Straßen und wartete auf das Signal, dass sein Ziel das Gebäude verlassen hatte. Auf der Karte sah er, dass er an der gleichen Ecke war, wo er gestern die beiden Frauen festgenommen hatte. Gestern, als ich noch einigermaßen klar im Kopf war…

Plötzlich begann die Markierung auf seiner Karte zu blinken, die gesuchte Person musste sich direkt vor ihm befinden. Eine Frau, wie alle anderen auch im Bürooutfit, überschritt zügig die Straße und kehrte Simon daher den Rücken zu. Fast mechanisch setzte er sich ebenfalls in Bewegung und folgte ihr um die nächste Häuserecke. Dort waren nur sie beide. Simon zog seine Waffe und legte vorsorglich den Finger an den Abzug. Er wollte jegliche Peinlichkeiten wie die von gestern vermeiden. Die Frau hatte ihn anscheinend bemerkt und blickte sich um. Eine Sonnenblume zierte ihren Bildschirm, so leuchtend und gelb, wie er es von nur einer Person kannte.

„Jane.“

 

JCK 1236 – 24.04.1265 – 14:31

Auch wenn er nur ganz leise gesprochen hatte, hatte Jane seine Stimme erkannt. Sie hielt an und wandte sich um.

„Simon“, grüßte sie ihn etwas verwundert, doch dann fiel ihr Blick auf die gezückte Waffe in seinen Händen und ihr war auf einmal alles klar. „Was machst du hier.“ Es klang mehr wie ein Vorwurf als wie eine Frage.

„Ich… soll dich festnehmen.“ Simons Stimme klang unsicher und stockte.

Jane konnte ein zynisches Auflachen nicht unterdrücken: „So wie du es mit Mae gemacht hast?“ Simon wirkte erstarrt. „Natürlich steckst du dahinter. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was dein ach so geheimnisvoller Job sein könnte, aber jetzt ist ja alles klar. Du hast es für dich behalten, damit du uns ausspionieren konntest!“ Sie spuckte ihm die Worte voller Hass und Wut entgegen. Sie hatte endlich genug von der Heimlichtuerei, denn wenn Simon von ihrem Leben im Widerstand wusste, hatte Eric davon bestimmt auch schon erfahren.

„Jane, ich wusste nichts davon, glaub mir! Ich habe den Auftrag bekommen, ohne zu wissen, um wen es geht!“ Simon hatte die Waffe gesenkt und ließ die Schultern hängen. Alle Anspannung schien ihn verlassen zu haben. Aber auch wenn es so aussah, Jane würde keinen Moment mehr glauben, dass von ihm keine Gefahr ausging.

„Von wem soll es deine tolle Organisation denn sonst erfahren haben?“

„Warte, ich schaue nach.“ Dann erschienen auf Simons Bildschirm Zeichen, aus denen Texte und Tabellen wurden. Jane begriff, dass er eben das, was er auf seinem Innenbildschirm sah, nach außen spiegelte. In schnellem Wechsel tauchten die Zeichen auf und verschwanden wieder, bis Simon an einer Stelle stoppte und näher heran zoomte.

„EHB1235.“ Eric. Unfähig etwas zu denken, starrte Jane auf die schwarzen Linien, bis sie sich für immer schmerzhaft in ihre Netzhaut eingebrannt hatten.

„Wie kann ich sicher sein, dass du mich nicht belügst?“ Ihre Stimme klang schwach und brüchig.

„Du musst mir vertrauen.“

Jane lachte freudlos auf. „Dir vertrauen. Nach dem, was du heute tun wolltest?“ Und plötzlich glaubte sie zu verstehen. „Das gehört alles zu deinem Plan, oder? Mich zu verunsichern, Eric schlecht zu machen. Damit du mich ausnutzen kannst, um an Informationen zu kommen!“ Ihre Stimme schnellte in die Höhe. „Vergiss es!“

Damit drehte sie sich um und rannte um ihr leben, doch der Schuss, den sie erwartet hatte, blieb aus.

 

Am ganzen Körper zitternd stand Jane schließlich vor ihrer Wohnungstür. Was, wenn es doch stimmt, was Simon gesagt hat? Dann laufe ich Eric und den Wächtern freiwillig in die Arme. Aber sie musste mit ihm sprechen, musste die Wahrheit herausfinden.

Jane holte noch einmal tief Luft, dann öffnete sie die Tür. Auf den ersten Blick sah alles aus wie immer: Unordnung an der Garderobe, Ordnung in der Küche. Aber spätestens im Wohnzimmer wurde Jane klar, dass etwas nicht stimmte. Unter dem Wohnzimmertisch fehlten die Spielsachen, die dort sonst immer lagen, und als sich die digitalen Bilderrahmen einschalteten, zeigten sie nicht wie gewohnt alte Urlaubsbilder. Im Kinderzimmer der Kleinen war es nicht zu übersehen: Das Zimmer war leer bis auf die blanken Möbel.

Eric hatte die ganze Wohnung ausgeräumt und war mit den Kindern verschwunden. Simon hatte die Wahrheit gesagt.

Ihr ganzer Körper wurde zu Eis. Unfähig sich zu bewegen, rotierten ihre Gedanken im Kreis. Eine falsche Bewegung, eine Berührung, und sie würde in tausend Stücke zerspringen, die man nie wieder zusammensetzen konnte.

Was machte ich jetzt nur? Ihre Familie hatte sie verlassen, die Rebellen hatten ihr zu Bedingung gemacht sich zu fügen und Mae aufzugeben und Simon wollte sie umbringen. Sie fühlte sich unendlich allein. Nun musste sie entscheiden, wem sie vertrauen konnte und wem nicht, und das möglichst schnell. Simons Zögern hatte ihr eventuell einen Vorsprung erkauft, aber auf dem durfte sie sich nicht ausruhen. Und vor allem musste sie herausfinden, wo Eric ihre Kinder hingebracht hatte.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. So schnell würde sie sich nicht geschlagen geben.

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