(15) In scientia veritatis

Clarence zögerte. Mit klopfendem Herzen stand er vor der sperrangelweit offenen Tür zu Simons Wohnung. Durch die Türöffnung konnte er das Chaos sehen, das dahinter herrschte: leere Flaschen, Kleidungsstücke, eine Maske, vermutlich Simons.

Hoffentlich geht es ihm gut, dachte er, während er über die Schwelle trat und ihm ein muffiger Geruch nach Alkohol und kaltem Zigarettenrauch entgegen kam. Im Wohnzimmer blieb er stehen und sah sich um. Nirgendwo ein Zeichen von Simon, die ganze Wohnung war gespenstisch still.

„Simon?“ Seine Stimme klang seltsam schwach, als würde sie von der Luft um ihn herum aufgesogen und verschluckt. Er erhielt keine Antwort.


Die Anzeige der Holo-Tapeten flackerte, während Clarence von Raum zu Raum ging und nach einem Lebenszeichen von Simon Ausschau hielt. Vermutlich gab es irgendwo im Kernland ein Gewitter, das brachte die Energiewerke immer wieder in Schwierigkeiten. Plötzlich fiel die Anzeige jedoch ganz aus und die Umgebung wurde nur noch von Clarence eigener Maske beleuchtet. Im kalten Schein des Bildschirms stand er schließlich vor einer Tür, die vermutlich ins Schlafzimmer führte. Von der oberen bis zur unteren Kante durchzogen mehrere Kratzer den Lack. Es sah fast so aus, als wären sie durch Tierkrallen entstanden, denn sie hatten fast den gleichen Abstand zueinander. Aber welches Tier soll das schon sein, das in den zwanzigsten Stock eines Wohnhauses kommt und Türen zerkratzt? Clarence war sich ziemlich sicher, dass es dafür eine rationale Erklärung geben musste. Er wusste nur noch nicht, ob er Simon danach fragen wollte.

Die Tür war nicht verschlossen, also trat er ein. Gleich darauf gingen auch die Holo-Tapeten wieder an und tauchten die Szenerie in ein warmes, orangenes Licht. Simon saß zusammengekauert in der hintersten Ecke des Raums. Er hatte die Knie bis an die Brust gezogen, sein Kopf lehnte an der Wand und der Mund stand offen.

Erleichtert seufzte Clarence auf. Schlafen wird ihm gut tun, dachte er sich, dennoch wandte er sich schnell vom Anblick seines Freundes ab. Auch wenn er jeden Tag mit toten Gesichtern zu tun hatte, fügten ihm lebende Münder noch immer Unbehagen zu. Er brauchte nur daran zu denken, wie der Speichel aus den Mundwinkeln rann und sich seinen Weg dem Erdboden entgegen suchte, und schon wurde ihm schlecht. Schnell schob er den Gedanken bei Seite.

Damit es wenigstens irgendeinen Sinn gehabt hatte, dass er mitten in der Nacht durch die Gegend gefahren war, begann er die Flaschen einzusammeln, den Müll wegzuwerfen und die Möbel wieder richtig hinzustellen. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, da hörte er aus dem Schlafzimmer Geräusche. Jemand sprach, das hörte Clarence ganz genau, doch es konnte nicht Simon sein, dafür war die Stimme zu tief. Als die Stimme immer lauter wurde, beschloss Clarence nach dem Rechten zu sehen, doch gerade als er das Schlafzimmer betrat, brach die Stimme ab. Seltsamerweise hatte er kein Wort davon verstanden, was sie gesagt hatte, nur der Sprachrhythmus hallte noch in seinem Inneren nach.

Simon lag nun auf dem Boden, auf dem Rücken, alle vier Gliedmaßen von sich gestreckt. Unter den geschlossenen Lidern zuckten seine Augen hin und her und ab und zu verkrampften sich seine Gesichtsmuskeln wie unter Schmerzen.

„Simon, wach auf.“ Clarence kniete sich neben ihn und rüttelte ihn an der Schulter. Der ganze Körper schien steif und verkrampft. „Hey, komm, wach auf. Du bist nur betrunken, alles ist in Ordnung.“ Langsam entspannten sich Simons Muskeln, die Augen hörten auf zu zucken, dann schlug er die Lider auf.

„Scheiße“, stöhnte er mit rauer Stimme, „hab ich eben schlecht geträumt.“ Mit langen Pausen dazwischen stützte sich Simon zuerst auf die Ellenbogen und dann auf die Hände.

„Wovon hast du geträumt?“

Simon blieb ihm eine Antwort schuldig, stattdessen stöhnte er wieder. „Und mir ist schlecht.“

„Warte, ich hol dir Wasser.“ Clarence erhob sich und ging in die Küche, um ein Glas oder besser eine ganze Flasche Wasser aufzutreiben, als er irgendwann zuerst ein Rumpeln und dann würgende Geräusche aus dem Bad hörte.

Clarence brachte das Wasser ins Wohnzimmer, zusammen mit ein paar Keksen, die er gefunden hatte und vermutlich als Reserve für Notzweiten gedacht waren. Ein paar Minuten später wankte auch Simon ins Zimmer und setzte sich langsam aufs Sofa. Seine Hände zitterten, als er nach dem Glas griff und in kleinen Schlucken trank.

Müsste ich jetzt von außen unser Alter schätzen, wäre Simon wohl der Ältere. Er betrachtete Simons Gesicht, die Ringe unter den Augen und die Falten, die sich in seine Haut gegraben hatten. Auch seine Haltung wirkte zusammengesunken und ungesund. Irgendwie scheint er seit ein paar Wochen so leer und verbraucht. Als hätte er in dieser Zeit mehrere Jahre seines Lebens verlebt. Gleichzeitig fühlte sich Clarence allerdings wie der große Bruder, der seinem kleinen Bruder beim ersten illegalen Rausch begleitete.

„Hältst du mich eigentlich für verrückt?“ Mit kratziger Stimme hatte Simon die Frage in den Raum gestellt und Clarence hatte das Gefühl, dass sich die Worte immer weiter aufblähten, je länger er mit einer Antwort zögerte.

„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte er schließlich, „aber warum glaubst du es?“

Simon nahm einen weiteren Schluck Wasser. „Weil mich vorhin ein Vogel angegriffen hat.“

Clarence schwieg, doch in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Einerseits würde es die Kratzer an der Tür erklären, andererseits… hatte man schon seit Jahren keine Vögel mehr gesehen.

„Er kam durch das Fenster“, fuhr Simon fort, „er wollte sich auf mich stürzen, aber ich bin ins Schlafzimmer gerannt und habe die Tür hinter mir zu gemacht.“

„Simon, als ich herein kam, waren alle Fenster zu, nur die Tür stand offen. Also entweder hat der Vogel noch gemütlich das Fenster geschlossen, bevor er zur Tür raus ist, oder…“

„Ich bin verrückt.“ Simon vergrub das Gesicht in seinen Händen.

„Du warst betrunken, nein, du bist betrunken. Gib dir einen Tag Ruhe, dann wirst du alles klarer sehen.“

Simon sagte nichts mehr.

„Wenn es für dich in Ordnung ist, würde ich nach Hause fahren. Wenn du noch irgendetwas brauchst, kann ich es dir morgen bringen.“

Von Simon kam nur ein Nicken und ein gemurmeltes „Danke“.

Dann ließ Clarence die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

***

Am nächsten Tag hatte Clarence zu allem Übel Frühschicht. Er versuchte gar nicht erst, sich zum Schlafen zu bringen, sondern checkte seine E-Mails, räumte die Wohnung auf, ging duschen und hatte die Wohnung schon wieder verlassen, bevor Tammy überhaupt gemerkt hatte, dass er weg gewesen war. Kaum war er schließlich im Labor angekommen, müder und verwirrter als zuvor, da ihm im Auto doch noch die Augen zugefallen waren, gingen die Überraschungen nahtlos weiter.

Zuerst fand er einen Zettel, der ihm mitteilte, dass seiner Assistentin aufgrund von Sparmaßnahmen gekündigt worden war. Ohne eine Gefühlsregung nahm er die Nachricht zur Kenntnis, vermutlich würde er später ihren Verlust betrauern und die Geschäftsleitung für ihren Sparzwang hassen, doch im Moment verschluckte die Müdigkeit alles andere. Er fühlte sich stumpf und wie in einen Nebel gehüllt, der verhinderte, dass er irgendeinen klaren Gedanken fassen konnte.

Hoffentlich bleibt es heute ein ruhiger Tag, dachte er sich, während sein Terminal die aktuellen Daten lud, ich hätte nichts dagegen, ein paar Karteien zu sortieren oder Nachrichten zu beantworten. Bloß nichts Aufregendes. Zu seinem Leid sollte seine Hoffnung nicht erfüllt werden.

Er war noch nicht lange in seine Arbeit vertieft, da klopfte es energisch an seiner Bürotür. Mit einer Geste ließ er die Türsensorik antworten und die Tür glitt auf.

„Wir haben hier etwas, das sollten Sie sich unbedingt ansehen.“ Keuchend, als wäre er gerannt, stand der Mitarbeiter vor seinem Schreibtisch und sah ihn erwartungsvoll an. „Sie ist unten.“

Clarence fragte gar nicht erst nach. Mit einem Satz war er aus dem Zimmer und eilte den Aufzügen entgegen, der Mitarbeiter hinter ihm her.

„Wir wissen nicht genau, in welchem Stadium sie sich befindet, aber auf jeden Fall ist sie noch am Leben“, berichtete der Mitarbeiter während der rasanten Fahrt nach unten. „Die Frage ist nur, wie lange sie noch durchhält.“

Clarence war plötzlich wie ausgewechselt. Schon lange wartete er darauf, einen noch lebenden Patienten der neuen Seuche untersuchen zu können, bisher waren alle vorher erstickt.

„Wo haben Sie sie gefunden?“

„Sie stand plötzlich vor der Tür und hat wie wild geklingelt, fast so als ob sie wusste, dass sie hier richtig ist. Dann ist sie zusammengebrochen.“

Mit einem Zischen glitt die letzte Tür zurück und eine zierliche Gestalt rückte in Clarence Blickfeld. Der Puls pochte nur noch schwach auf den Monitoren, manchmal musste er schon von den Maschinen unterstützt werden. Clarence trat näher heran. Die langen schwarzen Haare waren an vielen Stellen großflächig ausgerissen, dort kam blutig-verkrustete Kopfhaut zum Vorschein. Ihre Handgelenke waren ebenfalls rot und krustig, als ob sie bis vor Kurzem gefesselt gewesen war, die langen Kratzer an den bloßen Armen würden auch gut zu einer geglückten Flucht passen.

„Haben Sie sie schon untersucht?“, fragte Clarence leise an seine Mitarbeiter gewandt.

„Nur das Nötigste, ehe wir sie angeschlossen haben. Mit dem Körperscan wollten wir auf Sie warten.“

„Gut, dann fangen Sie gleich damit an.“

Gemeinsam verließen sie den Raum und Clarence Mitarbeiter startete das Programm. Auf einem Bildschirm im Nebenraum begann sich ein Muster aufzubauen, zuerst grob gerastert, dann immer feiner, bis sich die Textur zu einer Abbildung des Frauenkörpers herausbildete. Verschiedene Farben füllten das Abbild, Blut- und Nervenbahnen, Verletzungen. Clarence konnte nichts Ungewöhnliches darauf erkennen, nur das, was er von außen auch schon beobachtet hatte. Er schaltete weiter, die Verletzungen verschwanden, sonst geschah nichts. Keine Fremdkörper, notierte sich Clarence im Geiste. Wo war eigentlich sein Praktikant?

Wieder schaltete er weiter, auf die Krankheitserreger. Clarence keuchte auf. Wie kann das sein? Fast wie gewohnt war der ganze Körper von den Erregern der Seuche befallen, sie tummelten sich vor allem in der Lunge. Aber es war eben nur fast wie gewohnt, denn im Kopf, wo normalerweise die höchste Konzentration aufzufinden war, waren nur vereinzelt die gelben Punkte zu sehen.

Aber die Augen müssen angegriffen werden! Und der Mund! Sie hat die Erreger doch eingeatmet…

Da wurde Clarence eins bewusst: Wenn sie die Seuche nicht eingeatmet hatte, woher kam sie dann? In Großaufnahme ging er noch einmal den ganzen Körper durch, bis er auf eine ungewöhnlich hohen Ansammlung von Erregern im Nacken trag, die ihn verwunderte. Warum dort? Warum sollten sie sich ausgerechnet dort ansammeln? Er schaltete noch einmal zurück zur ersten Ansicht, untersuchte die Stelle und wurde fündig: Eine kleine Verletzung, fast wie ein Stich, direkt unter dem Haaransatz.

Ungläubig starrte Clarence auf den Bildschirm, unfähig sich zu rühren. Die Erreger wurden ihr absichtlich verabreicht!

Plötzlich kam Bewegung in die Mitarbeiter um ihn herum, sie eilten zu den anderen Messgeräten, drückten Knöpfe, doch es war schon zu spät. Ein lang gezogenes Piepsen kündete vom Ableben der Patientin. Und mit diesem Ton veränderte sich der Scan ihres Körpers. Auf der Erregeransicht verteilten sich die kleinen Punkte gleichmäßiger im Körper, schwärmten vom Nacken aus und konzentrierten sich schließlich um Mund, Nase und Augen. Also ist das Sekret in den Augen und der entstellte Mund eine postmortale Reaktion! Dass wir das nicht erkennen konnten…

Clarence starrte wie gebannt auf den Körper der Toten. Er konnte einfach nicht glauben, was er soeben gesehen hatte. Seine gesamte Forschung der letzten Jahre war umsonst gewesen. Nicht nur, weil er den Vorgang der Krankheit falsch eingeschätzt hatte, sondern weil er womöglich gegen eine von Menschenhand entwickelte Substanz gekämpft hatte. Das rückte seine ganze Arbeit in ein anderes Licht und es erklärte auch, warum die Erfolge gegen die Seuche immer nur von kurzer Dauer gewesen waren: Die Menschen dahinter hatten mit jedem Schritt, den Clarence gemacht hatte, die Substanz weiterentwickelt.

„Wie geht es jetzt weiter?“, riss ihn einer seiner Mitarbeiter aus den Gedanken.

„Untersuchen Sie die Patientin noch einmal, ob sie nun die gleichen Werte aufweist wie die anderen im gleichen Stadium. Dann können Sie sie wie gewohnt in die Lagerung bringen.“

Seine Mitarbeiter setzten sich in Bewegung, doch Clarence stand noch eine ganze Weile vor dem Bildschirm und versuchte zu realisieren, was er gerade eben erfahren hatte.

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