(14) Zweites Gesicht

JCK1236 – 24.04.1265 – 20:23

„Ist Mae da?“

Bevor Jane sich überhaupt der Situation bewusst wurde, in die sie gerade geplatzt war, hatte sie schon atemlos die Frage in den Raum geworfen. Alle starrten sie an. Maske für Maske ging Jane die Anwesenden durch, entdeckte Bekannte, entdeckte Eliza, die sie anscheinend eben in einer Ansprache unterbrochen hatte. Mae war nicht dabei.

Seit heute Mittag hatte sie ihre Kollegin nicht mehr gesehen. Mae war etwas früher als Jane in die Mittagspause gegangen, doch als Jane zurück ins Büro kam, war Mae noch nicht da. Auch nach einer halben Stunde tauchte Mae nicht auf und Jane begann, sich Sorgen zu machen. Vor allem sah es ihr Arbeitgeber nicht gerne, wenn die Arbeitszeiten nicht eingehalten wurden. Schließlich meldete Jane ihre Kollegin krank, damit sie wenigstens vor diesen Konsequenzen verschont blieb.

Den restlichen Arbeitstag beobachtete sie sich dabei, wie ihr Blick immer wieder zur Tür hinüber schweifte, doch Mae tauchte auch später nicht auf. Irgendwann konnte sich Jane nicht mehr konzentrieren: Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her, sprang auf, nur um sich gleich wieder hinzusetzen. Sie konnte sich nicht beruhigen, am liebsten wäre sie in die Bahn gestiegen und zu Maes Wohnung gefahren. Sie hatte sogar schon versucht, sie anzurufen, doch es ging niemand dran und ihre Nachrichten blieben unbeantwortet.

Im Konferenzraum der Rebellen herrschte noch immer Stille.

„Verdammt, war Mae schon hier?“, fragte sie nun etwas lauter. Ihre Geduld war für heute aufgebraucht. „Antwortet mir doch!“

Langsam schüttelte einer der Rebellen den Kopf. „Wir dachten sie kommt mit dir. Wie immer.“

„Scheiße.“ Janes Befürchtungen, die schon den ganzen Tag in ihr geschlummert hatten, wurden nun bestätigt. Scheiße, scheiße, scheiße!

Die übrigen Rebellen schwiegen noch immer. So langsam kam Jane die Situation etwas unheimlich vor, so wie die vielen leuchtenden Masken sie unbewegt ansahen.

„Mae ist heute Mittag nicht aus der Pause gekommen“, versuchte sie sich zu erklären, „Ich habe den ganzen Nachmittag auf sie gewartet. Und auf meine Nachrichten meldet sie sich auch nicht.“

„Vielleicht ist sie krank.“

„Selbst wenn sie krank wäre, würde sie keines unserer Treffen verpassen. Etwas MUSS mit ihr passiert sein!“

„Ich würde vorschlagen, dass wir später darüber sprechen“, ging Eliza dazwischen, „zuerst sollten wir noch die Monatsplanung abschließen.“ Sie wandte sich von Jane ab und schien mit ihrer Ansprache fortzufahren, doch sie bemerkte wohl, dass Jane sie noch immer ungläubig ansah. „Du kannst ja schon in den Datenbanken nachschauen, ob du etwas findest.“

Wütend und verzweifelt setzte sich Jane an ihr Terminal und fuhr es hoch. Es kam ihr so falsch vor, in irgendwelchen Datenbanken zu wühlen, während ihre beste Freundin womöglich gefangen genommen worden war. Dennoch durchsuchte sie alles, was sie finden konnte, denn es war das Einzige, das sie im Moment unabhängig von den anderen tun konnte. Selbst als sie beim ersten Durchlauf nichts finden konnte, ging sie alles noch einmal durch, in der Angst irgendetwas übersehen zu haben. Außerdem kannte sie Elizas Reaktion nur zu gut, wenn sie ihr erzählte, dass sie nichts gefunden hatte: Das kann nur eins bedeuten… Jane ballte die Hand zur Faust. Es durfte einfach nicht wahr sein!

Nach der Besprechung nutzte Jane den Moment und fing Eliza schon an der Tür ab.

„Eliza, wir müssen etwas unternehmen. Wir sollten jemanden zu den Wächtern schicken, um herauszufinden ob sie heute Gefangene gemacht haben, oder wir könnten unsere neue Software ausprobieren! Irgendwo muss es einen Hinweis geben, wo Mae geblieben sein könnte.“

„Jane, ich halte das für keine gute Idee“, erwiderte Eliza, „Wir lenken so nur noch mehr Aufmerksamkeit auf uns. Unser Ziel ist es im Verborgenen zu handeln und dann im entscheidenden Moment zuzuschlagen.“

Jane konnte nicht glauben, was sie gerade von Eliza hörte. Ihr Nacken kribbelte und sie hatte den dringenden Wunsch, die Frau ihr gegenüber an den Schultern zu packen und zu schütteln.

„Warum hätten dann aber die Wächter Mae und die anderen festnehmen sollen, wenn sie nicht etwas von uns wussten?“

„Wir haben keinerlei Beweise, dass es wirklich die Wächter waren! Wir können nichts tun, wir DÜRFEN nichts tun, wenn wir nicht entdeckt werden wollen!“ Elizas Stimme gewann an Lautstärke. „Wir werden nicht für ein Einzelschicksal das Gelingen unserer ganzen Mission aufs Spiel setzen!“

Das war der Moment, an dem Janes Wut überkochte.

„Eliza, das kann nicht dein Ernst sein! Jede Woche verschwindet jemand aus unseren Reihen, wir wissen nicht wohin, wissen nicht, was mit ihnen passiert, können ihnen nicht helfen. Wie wollen wir denn die Stadt und ihr kaltes System verändern, wenn wir es noch nicht einmal schaffen, unsere eigenen Mitglieder zu beschützen? Wie wollen wir dann jemals auch andere Menschen beschützen?“

Ihr Blick wanderte durch die Reihen der Rebellen und einmal mehr verfluchte sie die Masken, die die Gesichter und die wahren Gefühle der Rebellen verdeckten.

„Gibt es hier denn niemanden, der so denkt wie ich?“

Es blieb gespenstisch still. Doch ein paar Rebellen, die im Rücken Elizas saßen oder standen, wechselten das Bild ihrer Maske zu einem zustimmenden Symbol. Jane merkte sich die Namen ihrer Unterstützer, vielleicht konnte sie später einmal auf ihre Hilfe zählen.

„Ich denke, du solltest besser nach Hause gehen, Jane.“ Eliza redete nun nicht mehr laut, sondern leise und bedacht. Dennoch waren ihre Worte kalt und scharf wie ein Schwert.

Es war das offizielle Urteil, sich unterzuordnen oder nie wieder blicken zu lassen.

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