(12) Nadelstiche

CJA1240 – 24.04.1265 – 17:31

Mit geübten Bewegungen glitt er in seinen weißen Arbeitskittel und entriegelte die Tür durch seinen Fingerabdruck. Clarence kam sich immer vor wie in einer anderen Welt, sobald sich die weißen Türen hinter ihm wieder schlossen. Nun war die Luft absolut gereinigt, sämtliche Oberflächen waren sterilisiert und seine Arbeit konnte beginnen.

Trudy, seine Assistentin und Sekretärin, hatte das Labor schon vorbereitet und die aktuellsten Tabellen an sein Terminal geschickt, doch wie er schon zu Hause gesehen hatte, erwartete ihn erst ein Haufen Nachrichten an seinem Schreibtisch.

„Guten Morgen, Clarence“, flötete Trudy, als sie seine Bürotür öffnete, wahrscheinlich um ihn an irgendeinen Termin zu erinnern, doch noch in der Tür blieb sie stehen. „Sie sehen heute aber fertig aus. Liegt es an der Spätschicht? Oder ist etwas mit Ihrer Frau? Ich hoffe doch nicht.“

Ihre Maske war eines der älteren Modelle, deshalb konnte sie gerade so einen fragenden Smiley anzeigen. „Wenn Sie irgendwie Hilfe brauchen oder später jemanden, der auf die Kleine aufpasst, sagen Sie einfach Bescheid. Es wird doch ein Mädchen, oder?“

Clarence wusste, dass er bald eingreifen musste, sonst würde er von Trudys Wortschwall gnadenlos weggespült. Im Moment redete sie sich noch warm.

„Nein, Trudy. Alles in Ordnung. Mich macht die Uhrzeit nur etwas fertig.“

Spätschichten waren noch nie Clarence‘ Lieblingsarbeitszeit gewesen, aber im Moment arbeitete das Labor rund um die Uhr, viel zu viel Arbeit kam täglich auf sie zu. Es schien, als wäre die Seuche wieder aggressiver geworden und das, obwohl man geglaubt hatte, sie so langsam in den Griff zu bekommen. Clarence‘ Ziel, einen Impfstoff zu entwickeln, hatte erheblich an Bedeutung gewonnen.

Außerdem war er gerade um jede Minute froh, die er nicht zu Hause verbringen musste. Seit dem dritten Schwangerschaftsmonat war Tammy von der gemeinsamen Arbeit im Labor freigestellt worden und verbrachte nun die meiste Zeit daheim. Ach Tammy. Wenn Clarence an seine Frau dachte, kam ihm vor allem ein Bild in den Kopf: Tammy auf dem Sofa, um sich herum aufgetürmte Kissen und unzählige Fläschchen Nagellack. Als er vorhin die Wohnung verlassen hatte, war es nicht anders gewesen.

„Larry, machst du bitte das Fenster zu? Und bringst du mir noch ein Kissen, wenn du schon unterwegs bist?“ Clarence seufzte. Seit Tammy schwanger war, schien sie nichts mehr selbst tun zu können. Zumindest solange er anwesend war.

Früher hatte sie sich nicht im Geringsten für Kosmetik oder Mode interessiert. Die beiden lernten sich an der Akademie der Wissenschaften kennen und Clarence verliebte sich sofort in die junge, selbstbewusste Frau, gerade weil sie nicht so wie die anderen war. Sie interessierte sich mehr für die Forschung und die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Forschung war es auch, die die beiden letztendlich zusammen brachte. Clarence war der erfolgreichste Student in der Virologie und so wurde Tammy auf ihn aufmerksam. Sie stürzte sich mit Eifer in die gemeinsamen Projekte und bisher war sie auch immer daran interessiert, was Clarence und seine Kollegen im Labor über die Seuche herausfanden.

„Tammy, ich muss los. Wird wahrscheinlich spät heute Abend, du brauchst also nicht wach zu bleiben.“ Was sie sowieso nicht gemacht hätte. Tammy nickte nur abwesend und widmete sich wieder ihren Fingernägeln.

Trudy sah ihn fragend an, doch Clarence seufzte nur und fragte schließlich: „Was haben wir denn heute vor?“

„Heute Mittag sind zwei Patienten reingekommen, die liegen noch in der Kühlkammer, aber ich werde sie gleich reinholen. Außerdem ist unser neuer Praktikant ab heute da, er interessiert sich sehr für Ihre Abteilung, vielleicht nehmen Sie ihn heute ein wenig mit.“

Clarence stöhnte innerlich auf. So ein nerviger Praktikant hatte ihm heute zu seinem Unglück gerade noch gefehlt. Aber, so ermahnte er sich selbst, war er immerhin selbst mal ein Praktikant gewesen und hatte darauf gehofft, sich irgendwann die Gunst seines Vorgesetzten zu verdienen.

„Ace, richtig?“ Der Angesprochene hob den Kopf und nickte dann. „Ms. Trudy meinte, ich sollte mich in die bisherigen Forschungsunterlagen einlesen.“

„Gut gut. Wir haben gleich ein wenig Arbeit vor uns, also packen Sie Ihre Sachen.“

Mit dem Aufzug fuhren sie ein paar Stockwerke nach unten, denn dort im Keller lagen vor allem die Kühlräume und die wärmesensiblen Laborbereiche.

„Sie studieren, nehme ich an?“

„Eigentlich Mikrobiologie, jetzt im 5. Semester. Aber ich möchte mich in Zukunft eher auf Viren konzentrieren. Ich habe auch schon ein paar Kurse dazu besucht, wenn Sie möchten, kann ich Ihnen meine Zeugnisse…“

„Nein, nicht nötig“, lachte Clarence. Er konnte sich nur zu gut in den jungen Ace hineinversetzen.

„Viel eher würde mich interessieren, ob Sie schon einmal seziert haben? Denn leider treffen unsere Patienten ausschließlich tot hier ein.“

„Zweites Semester, Diagnostik.“

Clarence musste die Identität des Praktikanten zuerst registrieren, bevor sie die Schleuse in die Kühlkammer ließ. Dort hatte Trudy schon alles vorbereitet, der erste Patient lag unter einem weißen Laken auf der Metallbahre. Clarence zog den leichten Stoff zurück und legte den Kopf, sowie die obere Hälfte des Oberkörpers frei. Es handelte sich um einen Mann, vielleicht um die 40, dünnes, blondes Haar, eingefallene Wangen und ein grauer, wachsiger Teint. Eine rosige Haut kann man auch schlecht erwarten, wenn man seit drei Tagen tot und tiefgekühlt ist, scherzte Clarence in Gedanken. Ein wenig schwarzer Humor gehörte eben auch zu seinem Beruf dazu.

„Beschreiben Sie, was Sie sehen. Und ich möchte nicht den auswendig gelernten Stoff aus Ihrer Vorlesung hören.“

Ace schwieg. Clarence beobachtete ihn genau, zuerst schien er zu zögern, doch dann gab sich der junge Manneinen Ruck und trat an die Bahre heran. Nach kurzer Zeit umrundete er den Kopfteil, besah sich den Patienten von allen Seiten und nahm sich sogar Handschuhe, um die Augenlider nach oben zu schieben.

„Nun?“

„Es ist das typische Bild der neueren Seuche. Die Augenpartien sind stark angeschwollen und die Augäpfel sind gelblich verfärbt. Auf der Haut ist noch ein wenig Sekret zu sehen, das aus den Tränendrüsen ausgetreten ist. Mund und Nasenverformung im Anfangsstadium, ich vermute, dass der Mann schon vorher Lungenprobleme hatte und die Seuche deshalb schneller zum Tod geführt hat.“

Clarence nickte bestätigend. „Und was unterscheidet dieses Bild von der älteren Seuche?“

„Die wäre aggressiver gegen die Augen vorgegangen und nicht so sehr gegen die Lunge. Die Patienten von damals konnten trotz der Infektion noch ein paar Tage blind überleben. Das sieht man heute kaum noch.“

„Danke Ace, das war sehr gut. Merken Sie sich, was Sie gesehen haben, für den Forschungsbericht, den Sie dazu schreiben werden. Und nun folgen Sie mir zum Körperscan und notieren Sie alles genau wie ich es sage.“

Als Clarence am frühen Morgen erschöpft und ausgelaugt nach Hause kam, war die Wohnung still und dunkel. Seine Frau lag friedlich schlafend im Bett und er gönnte sich einen Moment, sie im Schlaf zu betrachten. Ihre Gesichtszüge waren friedlich und entspannt. Manchmal wünschte er sich, er könnte sie öfter so betrachten, doch jetzt, da sie ein Kind erwarteten, hatte er noch mehr Angst, sie könnte sich mit der Seuche infizieren.

Er selbst brauchte gar nicht daran zu denken, sich jetzt schlafen zu legen. Sein Zustand befand sich irgendwo zwischen ausgelaugt und kratzig erregt, und anstatt sich auszuruhen, tigerte er durch die dunklen Zimmer auf der Suche nach Ablenkung.

Simon würde jetzt einfach auf irgendein Hausdach verschwinden und sich die Sorgen vom morgendlichen Wind wegpusten lassen, überlegte er. Mir bleibt dagegen nichts als meine Arbeit.

Und da er im Moment sowieso nichts anderes tun konnte, setzte er sich an die Blutwerttabellen der letzten Patienten. Irgendwann sank sein Kopf auf die Tischplatte und er glitt in den erholenden Schlaf…

… bis plötzlich seine Maske vibrierte und einen Anruf anzeigte.

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