(11) Fels in der Brandung

SHB1240 – 20.04.1265 – 21:41

Schon im Aufzug kamen Simon gedämpfte Stimmen entgegen. Es klang für ihn wie ein wütender Streit. Aber bei meinem Bruder? Mit ihm konnte man gar nicht streiten, er hatte normalerweise seine Meinung und damit in seinen Augen auch Recht. Punkt. Selbst Jane konnte nicht gegen ihn ankommen, wenn er in der richtigen Stimmung war. Sollte er wirklich klingeln und in die Auseinandersetzung zwischen den beiden platzen? Auf der anderen Seite war er mit ihnen verabredet gewesen.

Letztendlich klingelte Simon doch – und wurde ignoriert. Drinnen ging der Streit weiter. Eigentlich wollte Simon gar nicht wissen, worum es dabei ging, doch seine neue Wächtermaske arbeitete fast wie von selbst, als sie die Mikrofone auf die Tür richtete und ihre Empfindlichkeit für Geräusche erhöhte. Janes energische Stimme drang an Simons Ohren. Das was er hörte, wollte so gar nicht in das Bild der ruhigen und sanftmütigen Schwägerin passen, das er bisher von ihr hatte.

„Wie oft soll ich es dir noch sagen? Ich war mit Mae beim Sport!“

„Natürlich! Deshalb bist du auch so verschwitzt und stinkst nach

Schweiß! Dass ich nicht lache.“ Erics Worte hätten im Sarkasmus ertrinken können, wären sie nicht so voller Wut gewesen.

„Wir waren danach ja auch duschen.“

„Egal was du sagst, ich weiß, dass du mir etwas verschweigst!“

„Dann schau doch selbst nach, wenn du mir nicht glaubst.“

Simon hörte das Geräusch eines Reißverschlusses. Es muss doch eine Möglichkeit geben, die beiden von sich selbst abzulenken? Simon wollte auf keinen Fall mit anhören, wie die Situation eskalierte. Denn er wusste gut genug, wie sein Bruder dann reagieren würde.

„Denkst du, das beweist irgendetwas?“, polterte drinnen Erics Stimme weiter. „Du lügst doch, wenn du den Mund aufmachst.“

„Was ist in dich gefahren, Eric?“ Janes Stimme nach war sie der Verzweiflung nahe.

Plötzlich schlug etwas mit lautem Knall von innen gegen die Tür, überrascht stolperte Simon zwei Schritte nach hinten. Irgendetwas musste Eric vor Zorn gegen die Tür geworfen haben. Nachdenklich betrachtete Simon das kalte Metall, das ihn von der Situation in der Wohnung trennte, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Zweitkarte. Irgendwo hatte er sie, falls er in einem Notfall in die Wohnung musste. Und was ist das hier sonst, wenn kein Notfall? Es dauerte noch ein paar Momente, bis er die Karte in seinen Taschen gefunden hatte und in der Hand hielt, doch dann stand er endlich in der offenen Tür und sah in den Flur.

Dort hatte Eric den gesamten Inhalt von Janes Sporttasche verteilt. Überall auf dem Boden lagen hingeworfene Kleidungsstücke und ein Geruch nach kaltem Schweiß stand in der Luft. Simon trat in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich, wobei er fast auf eine Sportflasche trat. Erics Wurfgeschoss. Auf dem Weg zu Jane und seinem Bruder sammelte Simon ein paar Kleidungsstücke ein, sie waren noch klamm vom Sport. Wenn das kein Beweis für Janes Verbleib war, was dann?

„Du solltest deiner Frau vertrauen, Eric.“ Noch vor gar nicht all zu langer Zeit hätte sich Simon diesen Satz niemals zu sagen gewagt, aber er hatte sich verändert seitdem, war ein anderer, ein neuer Mensch geworden.

„Und du solltest dich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen, kleiner Bruder.“ Erics Stimme wirkte seltsam verzerrt und als er warnend den Finger in Simons Richtung erhob, zitterte dieser leicht. Mit einem Schnauben drehte sich Eric um und ließ knallend die Wohnzimmertür hinter sich zufallen.

Kurz darauf ertönte Emmys Weinen aus dem Kinderzimmer. Da Jane noch immer wie abwesend auf die Wohnzimmertür starrte und sich nichts unternahm, ging Simon kurzer Hand zu seiner Nichte.

Im Kinderzimmer blickten ihm zwei große, verängstigte Augen entgegen.

„Shh, es ist nichts passiert. Leg dich wieder schlafen, Emmy.“ Behutsam zog er ihre Decke ein wenig höher und richtete sich wieder auf. Ihr fielen schon wieder die Augen zu.

„Soll ich das Licht anlassen?“, fragte er an der Tür, doch er erhielt keine Antwort mehr.

Eine halbe Stunde später saßen Simon und Jane auf dem Betondach des Wohnhochhauses. Janes Tränen waren inzwischen getrocknet, Simon hatte ihr auch einen Tee zur Beruhigung gekocht. Es war für ihn irgendwie seltsam gewesen, seine Schwägerin auf dem Boden zusammengekauert zu sehen, ohne Maske und mit bebenden Schultern. Seltsam, und doch vertraut. Er kannte Jane schon so lange, hatte miterlebt wie Eric sie kennengelernt hatte, wie ihre Kinder aufwuchsen. Trotzdem hatte sich zwischen ihnen eine Barriere aufgebaut, die jetzt für ihn durchbrochen war.

„Du wirst sehen, Eric hat sich bald wieder beruhigt.“ Simon legte sanft eine Hand auf ihren Arm. „Wenn ich daran denke, wie oft wir uns schon gestritten haben…“

„Willst du damit etwa sagen, ihr hättet ein gutes Verhältnis zueinander?“ In Janes Stimme klang ein wenig Belustigung mit. Ein gutes Zeichen, fand Simon.

„Vielleicht nicht das beste, aber wir verstehen uns.“

„Es würde dich nicht interessieren, wenn er plötzlich verschwunden wäre“, entgegnete Jane mit leiser Stimme. „Du wärst wahrscheinlich sogar noch froh darüber.“

Simon war zwar anderer Meinung, aber er beließ es dabei. Er wollte nicht der nächste sein, der mit Jane stritt.

Eine Zeit lang herrschte Stille. Simon beobachtete durch seine Maske die Fußgänger am Boden, wie er es schon so oft getan hatte, und überlegte, ob sich in den letzten Wochen wirklich so viel an seinem Leben geändert hatte. Er war noch immer allein, hatte zwar einen Job, der erlaubte ihm aber nicht wirklich das Leben, nach dem er sich gesehnt hatte.

Er blickte zu Jane hinüber. Sie saß im Schneidersitz mit geradem Rücken, ihre Haltung drückte Zuversicht aus. So als wollte eine Kriegerin nach der Kampfpause wieder in die Schlacht ziehen. Ihre Maske ließ keine Deutung zu wie es ihr ging, der Bildschirm spiegelte nur die beleuchtete Skyline der Stadt vor ihnen. Fast, als wollte sie alle Eindrücke von außen abwehren.

Was hat Eric nur dazu verleitet, Jane zu misstrauen? Simon konnte sich darauf keinen Reim machen, normal war sein Bruder ein sehr klar denkender Mensch, von Verschwörungstheorien oder dergleichen hielt er nichts. Noch dazu liebte er seine Frau über alles, davon war Simon überzeugt. Dennoch würde er sich hüten, Jane danach zu fragen, ob an den Vorwürfen etwas Wahres dran war. Vielleicht, so dachte er, wird sie es mir irgendwann einmal selbst erzählen.

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