(10) Lebenszeichen

JCK1236 – 20.04.1265 – 18:03

„Gut, dass du da bist.“

Elizas Maske tauchte im breiter werdenden Türspalt auf. Ein Rabe zierte ihren Bildschirm, wie so oft in letzter Zeit, wenn Jane sie sah.

„Was ist denn los? Du klingst so besorgt.“

„Wir haben heute viel zu tun“, erwiderte Eliza nur und ging voran die Treppe hinauf zum Hauptquartier der Rebellen.

Ursprünglich war es wohl eine Wohnung gewesen, doch nach und nach hatten Schreibtische, Karten und riesige Bildschirme zuerst das Sofa, den Esstisch und irgendwann auch die Küche verdrängt. Einzig die antiquierten Fotografien an den Wänden hatten den Prozess der Vereinnahmung überstanden.

Mae und die anderen waren alle schon da und hatten sich um einen großen Tisch versammelt, auf dessen digitaler Oberfläche eine Karte der Stadt zu sehen war.

„Das letzte Mal habe ich ihn heute Mittag gesehen, ungefähr hier.“ Einer der Rebellen vergrößerte mit den Fingern den erwähnten Kartenabschnitt. „Er wollte seine Frau von der Arbeit abholen.“

Ein betroffenes Schweigen folgte seinen Worten, bis Eliza fragte: „Was hatte er vor?“

Ein anderer am Tisch zuckte daraufhin mit den Schultern. „Er hat nichts Konkretes erwähnt. Aber anscheinend muss er etwas für heute geplant haben.“

„Warum hat er mir davon nichts erzählt?“ Elizas alter Körper schien nun unter Hochspannung zu stehen. „Er hätte mich vorher informieren sollen. Dann hätten wir ihm gemeinsam helfen können.“

„Was ist, wenn sie ihn wirklich erwischt haben? Wenn die Wächter irgendetwas davon wussten?“, warf Mae ein und wandte ihren Kopf einmal durch die Runde.

Jane wusste nicht, was sie sagen sollte oder was die anderen von ihr erwarteten. Sie war das neuste Mitglied und bei weitem noch nicht mit allen Abläufen vertraut. Es war jedoch offensichtlich, dass James fehlte, einer der Rebellen aus den hinteren Reihen. Er hatte in der letzten Zeit etwas verloren gewirkt und sich immer weiter zurückgezogen.

„Jane“, holte Mae sie zurück in die Wirklichkeit, „denkst du wir finden etwas in der Datenbank der Regierung?“

Gemeinsam mit ihrer Kollegin setzte sich Jane an einen Schreibtisch am Rande des Raums und startete das eingebaute Terminal. Es war zu ihrer Hauptaufgabe geworden, Regierungsdatensätze aufzuspüren und zu durchsuchen, vor allem weil sie und Mae sich Dank ihrer alltäglichen Arbeit schon mit den Strukturen und den Kommandos in den Dokumenten und den Datenbanken auskannten. Gemeinsam mit Adam, dem Chefprogrammierer der Rebellen, war es ein Leichtes, die Verschlüsselungen zu knacken und an geheime Informationen zu gelangen. Dazu gehörte seit einiger Zeit auch die Arrest-Kartei der Wächter, in der alle Festnahmen registriert und dokumentiert wurden.

Mae und Jane machten sich an die Arbeit und auch die übrigen Rebellen wandten sich wieder ihren Aufgaben zu. Jane hatte bisher noch nicht all zu viel Zeit um herauszufinden, was jeder von ihnen im Einzelnen machte. Es gab anscheinend eine Abteilung, die die Kameras in der Stadt überwachte, um Regierungsaktivitäten zu tracken, eine andere machte heimlich Werbung und suchte nach Spendern, um die Räumlichkeiten zu finanzieren. Ein paar Rebellen arbeiteten daran, die Wächterkommunikation auszuspähen. Auch James war bei der Kommunikation eingesetzt worden, was ihn in letzter Zeit sichtlich belastet hatte.

„Denkst du, er hat etwas Wichtiges über den Wächterfunk erfahren, und ist deswegen verschwunden?“, sprach Jane ihre Gedanken aus.

Mae blickte vom Terminal auf. „James ist ein seltsamer Typ. Es kann genauso gut sein, dass er wieder auf das Dach des Operngebäudes geklettert ist, um auf den Glasschrägen herunterzurutschen. Deswegen ist er schon einmal festgenommen worden. Aber was es auch ist, mit etwas Glück finden wir es gleich.“

Nachdem sie sich jedoch Datei um Datei durch das Wirrwarr der Regierungsdatenbanken gegraben hatten, gaben die beiden erschöpft auf.

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie absichtlich nie aufräumen, oder ob die Organisation in der Regierung wirklich so bescheuert ist“, meinte Mae kopfschüttelnd und schaltete das Terminal auf Standby. Jane war erleichtert, dass sie James nicht in den Arrest-Karteien hatten finden können. Vielleicht ist ihm ja doch nichts passiert, dachte sie und lehnte sich entspannt in ihrem Stuhl zurück. „Wo könnte er noch sein?“

Plötzlich tauchte Eliza hinter ihr auf. „Wo er noch sein könnte?“ Ihre raue Stimme durchschnitt das sanfte Gemurmel im Hintergrund und Stille trat ein. „Wenn wir nicht wissen wo er ist, seine Frau es nicht weiß und nicht mal die Regierung einen Vermerk zu seinem Aufenthaltsort gemacht hat, kann das nur eins bedeuten: dass wir ihn vermutlich nie wieder sehen.“

Janes Gedanken erstarrten. Dass wir ihn vermutlich nie wieder sehen… Ihre Hände begannen zu zittern und unwillkürlich musste sie an den Mann ohne Maske denken, den sie vor ein paar Tagen mit ihren Kindern gesehen hatte. Was wohl aus ihm geworden war? Hatte er seine Familie auch nie wieder gesehen?

„Los, macht jetzt weiter. Wir können nicht ewig herumsitzen und die Betroffenen spielen.“ Mit einem Hustenanfall wandte sich Eliza ab und ging auf die Tür zu, wo sie noch einmal innehielt.

„Jane, ich habe hier noch Arbeit für dich.“

Eine gefühlte Ewigkeit verbrachte Jane damit, in einer staubigen Abstellkammer silberne Speicherscheiben zu vernichten. Währenddessen musste sie immer wieder an James und seine Familie denken. Wie würde ich mich fühlen, wenn Eric vermisst würde und ich keine Ahnung hätte, wo er sein könnte? Das Gefühl, das sie überkam, war mit dem vergleichbar, das sie von ihren Kindern kannte, wenn die zu spät von der Schule kamen. Generell kamen ihr auch die Rebellen ein wenig wie eine Horde verlorener und hilfloser Kinder vor, die in der Gemeinschaft im Verborgenen eine neue Familie suchten.

Eliza kam ab und zu vorbei, um bei ihr nach dem Rechten zu sehen, und irgendwann erlöste sie sie von ihrer eintönigen Arbeit.

Janes Knie knackten, als sie vom Boden aufstand. „Diesen Raum könnte man sicher auch noch anders nutzen“, meinte sie eher halb scherzhaft als ernst, denn sie dachte eigentlich, dass es wohl einen guten Grund hatte, warum sich hier Kisten mit Müll stapelten und nur alle paar Jahre angerührt wurden.

Doch Eliza hielt in ihrer Bewegung inne und schien Jane durch die getönten Sehschlitze ihrer Maske eingehend zu mustern.

„Eigentlich keine schlechte Idee“, meinte sie dann.

Jane erwartete, dass sich Eliza nun wieder abwenden würde, doch sie tat ihr den Gefallen nicht. Stattdessen stand sie weiter da und schien Jane zu begutachten.

„Denkst du, wir hören irgendwann noch einmal etwas von James?“, fragte sie, mehr um die Stille zu durchbrechen, die sich in der Zwischenzeit aufgestaut hatte. „Können wir nicht irgendetwas tun, um ihn zu finden? Wir könnten -„

„Nein“, schnitt Eliza ihr energisch das Wort ab, „könnten wir nicht. Wenn wir weiter bestehen wollen, ohne dass das Auge der Wächter auf uns fällt, müssen wir uns jede Handlung nach außen genau überlegen. Wärst du länger bei uns dabei, wüsstest du das.“

Das helle Neonlicht flackerte und erlosch, für einen Moment wurde die Szene nur von dem kalten Licht der beiden Maskenbildschirme erleuchtet. Der Rabe auf Elizas Maske begann sich plötzlich zu bewegen und die Flügel auszuschütteln, bevor er mit einem Mal einen Satz auf Jane zumachte und den Schnabel weit aufriss. Jane zuckte unwillkürlich zurück. Als das Deckenlicht wieder anging, war der Rabe wieder in seine Ausgangsposition zurückgekehrt als wäre nichts gewesen, und Jane war sich nicht sicher, ob sie sich seine Bewegung nicht nur eingebildet hatte.

Auf ihrem Heimweg duckte sie sich bei jedem Schatten, der in der Dunkelheit über sie hinweg glitt. Sie wusste nicht recht welche Vorstellung ihr unangenehmer war: Dass es der Schatten einer Drohe der Wächter oder eines Vogels der alten Zeit war.

Vögel hatte man seit Jahren schon nicht mehr in den Städten gesehen. Das lag wohl vor allem daran, dass jeder Müll, der in der Stadt entstand, sofort und bis auf den letzten Rest eingesammelt und wiederverwertet wurde und so nichts mehr für die Tiere übrig blieb. Jane hatte sich bis zu diesem Moment noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was mit den ganzen Tieren geschehen war, von denen ihr ihre Großmutter in bunten Worten erzählt hatte. Vermutlich lebten sie abseits der menschlichen Besiedlung ein paradiesisches Leben – sofern sie gegen die Seuche immun waren.

Für Jane dauerte es gefühlte Stunden, bis sie endlich im Aufzug zu ihrer Wohnung stand, obwohl die Uhr im Innern ihrer Maske anzeigte, dass sie sogar etwas schneller als sonst gewesen war.

Sanft vibrierend glitten die Türen auseinander. Der Flur war unbeleuchtet, nur aus dem Wohnzimmer kam ein Schimmer orangefarbenes Licht. Möglichst leise stellte sie ihre Alibi-Sporttasche in eine Ecke, kickte ihre Schuhe daneben und schlich auf dem Teppich-Fußboden zur Wohnzimmertür.

Plötzlich tauchte dort eine dunkle Silhouette auf, die ihr den Weg versperrte.

Erics Körper war angespannt, seine Hände zu Fäusten geballt und seine Halsschlagader pochte gefährlich schnell. Dunkle Worte füllten den Raum zwischen ihnen; versteckt im Kleid einer Frage, aber eher als Feststellung gemeint, oder als Anklage.

„Wo bist du gewesen.“

Und genau wie der Titel des Kapitels es schon sagt: Ein neues Lebenszeichen von der Stadt der Masken! =) Ich habe inzwischen ein paar Kapitel im Voraus geschrieben, aber natürlich kann ich nicht versprechen, wie lange das halten wird 😛 Seid mir nicht böse!

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