(9) Hoch hinaus

SHB1240 – 13.04.1265 – 10:31

Ein Klingeln ließ Simon aufschrecken. Sein Herz klopfte wie wild und er versuchte sich zu orientieren.
Richtig. Die neue Wohnung.
Sein Blick schweifte durch den dämmrig beleuchteten Raum und stoppte schließlich auf der anderen Bettseite neben ihm. Es klingelte noch einmal.
Scheiße, ist das Pam?
So langsam setzte sich sein Verstand in Bewegung.
„Sahra?“, flüsterte er, doch die Person neben sich regte sich nicht. Er versuchte noch einmal etwas lauter, jedoch ohne Erfolg.
„Angeline!“, erinnerte er sich dann, und das Bettlaken begann sich zu regen.

„Wasistn“, kam es gedämpft unter dem Stoff hervor. In ein paar Sekunden war er auf den Beinen und suchte ihre Klamotten zusammen.
„Wir müssen aufstehen.“
„Mhmm“, meinte Angeline nur, erhob sich dann aber doch. Verschlafene braune Augen blickten ihn durch die zerzauste Haarmähne an, dann wandte sie ihr Gesicht schnell ab.
Simon reichte ihr den Kleiderstapel und meinte: „Tut mir leid, aber du musst über die Treppe runter.“
Denn im Aufzug steht jemand und klingelt sich den Finger wund.
Angeline nickte und war dann genauso schnell verschwunden, wie sie am Abend zuvor an seiner Wohnungstür aufgetaucht war.
Simon setzte seine Maske auf und betätigte die Sprechanlage. Auf dem Bildschirm erschien jedoch nicht Pam, sondern sein Bruder Eric.
„Du hast es vergessen“, sagte er, als er schließlich in Simons Wohnzimmer stand. Er sagte es als Feststellung, nicht als Frage. „Wir wollten klettern gehen.“
„Stimmt, verdammt. Endschuldige. In fünf Minuten bin ich fertig.“
In aller Eile packte er das Wichtigste zusammen, während sich Eric in seiner neuen Wohnung umsah. Die Wände waren im Moment dunkellila, weil Simon fand, dass es in einem schönen Kontrast zu den weißen Hochglanzmöbeln stand. Vielleicht würde er nachher ein Bergpanorama herunterladen, wenn sie vom Klettern zurück waren.
Besonders stolz war er auf das kugelrund gewölbte Fenster, das an der einen Wand vom Boden bis zur Decke reichte. Von außen sah es aus, als hätte sich vor Jahrmillionen eine gläserne Muschel an dem Gebäude festgesaugt. Wenn man jedoch darin auf den vielen Kissen lag, die Simon extra dafür gekauft hatte, fühlte man sich, als würde man über der Stadt schweben und nach den Sternen greifen können. Als er den ersten Abend in der neuen Wohnung verbracht hatte, hatte er wie verzaubert mehrere Stunden nur in der Glaskugel gelegen, das Kribbeln des Adrenalins genossen und in die Sterne geschaut.
„Nicht schlecht, oder?“, fragte Simon seinen Bruder, als sie wieder im Aufzug nach unten standen, doch Eric ging nicht darauf ein.
Jeder im eigenen Wagen und versunken in Gedanken fuhren sie zur Kletterhalle. Dort hatten es die Betreiber innerhalb von zehn Jahren nicht einmal geschafft, die Geräte auszuwechseln. Noch immer wie damals, als Simon und Eric angefangen hatten, waren die Griffe wie auf Laufbändern montiert, die langsam die Wand hinab ruckelten. Doch Simon mochte die Atmosphäre, den authentischen Geruch nach Schweiß und dem Gummi des weichen Bodenbelags.
„Ist dein Auto auch neu?“, brach Eric schließlich das Eis, während er in die Kletterschuhe schlüpfte.
Simon nickte nur und drückte den Streifen Tape um sein Handgelenk fest.
„Kannst du dir das alles leisten?“, hakte Eric nach, „ich meine, verdienst du so gut?“ Ein Hochgefühl stieg in Simons Brust auf.
Tja, jetzt bin ich nicht mehr abhängig von dir, großer Bruder, wollte er sagen, du hast mir lange genug vorgeschrieben, wie ich mein Leben am Besten und Effizientesten verbringen sollte.
Doch er sagte es ihm nicht. Er wollte mit seinem Bruder ins Reine kommen, so wie damals, als sie beide noch in der Schule waren und es noch keinen Konkurrenzdruck zwischen ihnen gab, wer sich mit seinen Gehalt die neuere Maske leisten konnte.
„Der Job ist schon nicht schlecht“, meinte Simon deshalb nur.
„Und was genau arbeitest du jetzt? Ich meine, für wen?“
Simon konnte Erics Unsicherheit in seiner Stimme hören. Normalerweise hätte er seinem Bruder schon längst alles erzählt, aber seit ein paar Wochen war bei ihm nichts mehr normal.
„Lass uns aufwärmen gehen.“ Simon trat aus dem Umkleideraum und ließ seinen Bruder hinter sich zurück. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben.
In einem gleichmäßigen und nur ihnen bekannten Rhythmus bezwangen Simon und Eric die Kletterrouten. Für Simon war es zwar nicht besonders befriedigend, immer zu klettern und nie oben anzukommen, aber es war besser als nichts. Schweiß bildete sich auf seiner Haut, besonders unter der Maske, da er dort nicht über die Luft entweichen konnte. Er entschuldigte sich kurz zur Toilette und als er zurückkam, war ihm, als sah ihn sein Bruder nachdenklich an.
„Du bist mir ausgewichen, Bruder.“
„Ich weiß.“
Eric schwieg einen Moment. „Warum willst du nicht darüber sprechen?“
In diesem Moment kündigte Simons Maske einen weiteren Auftrag an. „Hör zu, ich muss los.“ Unschlüssig und halb abgewandt blieb er stehen. „Ich komm nächste Woche mal vorbei.“
Dann griff Simon hastig nach seiner Tasche und eilte nach draußen. Erst dort wagte er es, wieder zu atmen.
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