Der Anfang und das Ende

Hallo, meine Lieben, nach einem spannenden gestrigen Fußball-Abend ist es mal wieder Zeit für ein kleines Kapitel. Es wird das erste von euch inspirierte Kapitel sein, deshalb passenderweise zum Anfang und zum Ende. Zwischendrin werde ich mich auch noch um Übergänge kümmern, sowie um die Einteilung in Szenen und Kapitel, die ich ja eigentlich schon viel früher geplant und immer wieder nach hinten verschoben hatte. Ich habe die Befürchtung, ich könnte Dinge aus den vorderen Kapiteln wiederholen, aber ich möchte hier ein inhaltlich geschlossenes Kapitel schreiben, zu dem einfach Aspekte gehören, die ich eventuell schon angesprochen habe.

 

Der Anfang

Ich habe mal gehört, dass „anfangen“ und „beginnen“ die einzigen richtig bedeutungsgleichen Synonyme der deutschen Sprache sein sollen. Keine Ahnung ob das stimmt 😀 Auf jeden Fall geht es jetzt erstmal dank @KaroomSmily um den Anfang/den Beginn/was auch immer.

Der Einstieg in eine Geschichte ist laut Sol Stein eines der wichtigsten Dinge, die man beim Schreiben beachten muss. Nehmen wir an, euer Buch steht im Regal einer Buchhandlung, ein Käufer geht daran vorbei, sieht es und nimmt es heraus. Er wird sich vielleicht das Cover anschauen, den Klappentext durchlesen und wenn er dann neugierig geworden ist, schlägt er euer Buch auf und liest die erste Seite. Spätestens jetzt entscheidet er sich, ob ihm das Buch gefällt, ob er es spannend findet, ob er es wirklich kaufen will. Selbst, wenn er es nicht gleich aufschlägt, sondern gleich mit nach Hause nimmt, ist die erste Seite logischerweise das erste, was er liest. Wenn das nicht verdammt gut ist, kann es schnell passieren, dass er euer Buch zur Seite legt. Das bedeutet für euch, dass der erste Satz, die erste Seite, das erste Kapitel den Leser sofort packen muss. Ich zitiere einmal mehr Sol Stein, besser kann man es einfach nicht sagen. Er arbeitete an einer Studie, die das Verhalten von Buchkäufern erforschte und schreibt dann weiter: „Seither muss ich jedem Autor, der mir erzählte, sein Roman komme auf Seite zehn oder zwanzig oder dreißig so richtig in Schwung, die traurige Nachricht verkünden, dass sein Buch höchstwahrscheinlich ein Flop werden würde – es sei denn, er schrieb es so um, dass es den Leser schon auf den ersten drei Seiten fesselte und so in seinen Bann zog, dass er für die Stunden der Lektüre alles andere vergaß.“

Optimalerweise wird in diesem ersten Satz oder dem ersten Absatz schon das Hauptproblem sichtbar, um das es gehen wird. Zumindest sollte es keine beliebig zufällige Szene sein, denn sie sollte eigentlich die Grundlage für die weiteren Szenen und Kapitel bilden. Alles, was danach in der Geschichte passiert, sollte auf diese erste Szene aufbauen und durch sie begründet sein. Wie ich im Kapitel zum Fünf-Akt-Drama schon einmal erwähnt habe, bringt die erste Szene alles in Rollen und die anderen Szenen passieren, nur weil die erste Szene so passiert ist. Deshalb ist es auch unsinnig damit zu beginnen, dass ein Wecker klingelt oder jemand aufsteht. Diese Situation kennt nicht nur jeder (und ist damit nicht besonders außergewöhnlich oder interessant), sondern sie wird von den meisten Menschen mit negativen Gefühlen assoziiert. Meiner Meinung nach kein gebührender Einstieg in eure Geschichte!

Unabhängig davon, was in der ersten Situation passiert, sollte allein schon der erste Satz Interesse wecken. Außerdem ist es oft der erste Satz, der beim Leser für lange Zeit im Gedächtnis bleibt und der von Rezensionen zitiert wird. Wie ich schon @CaroCondrai geschrieben habe, tue ich mir extrem schwer darin, Tipps zu geben wie man einen perfekten ersten Satz hinbekommt. Ich kann nur raten, bei anderen erfolgreichen Autoren zu schauen, wie die ihre Kapitel beginnen. Hier gebe ich euch mal ein paar Beispiele, die mir persönlich in Erinnerung geblieben sind:

Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendia sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennen zu lernen.“ Dieser Satz führt einerseits in die Person des Hauptcharakters ein, erwähnt seinen Beruf und seine Familie. Andererseits weckt es Neugierde, denn was ist daran so besonders, Eis kennen zu lernen? Und warum in aller Welt erinnert sich der Oberst ausgerechnet in diesem Augenblick daran? Fragen über Fragen, die zum Weiterlesen motivieren (Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Marquez).

Es ist schon eine seltsame Geschichte: Der Kutscher Salim wurde stumm. Wäre sie nicht vor meinen Augen geschehen, ich hätte sie für übertrieben gehalten.“ Hier schildert der Erzähler eine unglaubliche Geschichte, so unglaublich, dass er sie selbst nicht glauben würde. Wenn das nicht mal ein spannender Einstieg ist? (Erzähler der Nacht, Rafik Schami)

Von den beiden Eingängen des Cafes nahm sie immer den schmalen, der Schattentür genannt wurde.“ Vom Literaturnobelpreisträger 2014, der in diesem Buch den Zauber eines Cafes und gleichzeitig einer Frau beschreibt. Beides wird im ersten Satz gleich eingeführt, zusammen mit einem dunklen Ohmen, der „Schattentür“. Es bleibt ein Rätsel, warum sie sich im Verborgenen ins Cafe schleicht, durch die Hintertür und in aller Stille (Im Cafe der verlorenen Jugend, Patrick Modiano).

Ich hatte mir nie viele Gedanken darüber gemacht, wie ich sterben würde, obwohl ich in den vergangenen Monaten allen Grund dazu gehabt hätte.“ Der berühmte Prolog der Twilight-Saga, der so eindringlich war, das er sogar in der Verfilmung übernommen wurde. Natürlich sind solche Vorausblicke immer ein gutes Mittel, um Spannung zu erzeugen und die Frage zu wecken: Wie konnte es nur so weit kommen? (Biss zum Morgengrauen, Stephanie Meyer)

Wahnsinn, dachte Mae. Ich bin im Himmel.“ Da man höchst wahrscheinlich davon ausgehen kann, dass Mae nicht wirklich im Himmel ist, stellt sich der Leser automatisch die Frage, was denn so toll sein kann, dass Mae es mit dem Himmel vergleicht. Vor allem, wenn man den Klappentext gelesen hat und erahnt, dass es eigentlich kein Himmel sein kann … Aus einem der meist diskutierten Bücher des letzten Jahres (Der Circle, Dave Eggers).

In der Nacht, als Ronja geboren wurde, rollte der Donner über die Berge, ja, es war eine Gewitternacht, dass sich selbst alle Unholde, die im Mattiswald hausten, erschrocken in ihre Höhlen und Schlupfwinkel verkrochen.“ Auch in Kinderbüchern kann man auf gute Satzanfänge stoßen, hier wird es besonders geschickt gemacht. In der Wetterbeschreibung steckt gleich noch eine Charakterisierung der Hauptfigur und vielleicht auch eine Vorahnung, was später mit dem Kind alles passieren wird (Ronja Räubertochter, Astrid Lindgren).

 

Übergänge

Genauso wie jedes Buch einen perfekten ersten Satz braucht, so braucht das auch jedes neue Kapitel, jede neue Szene. Denn in allen Situationen muss (zumindest ein wenig) von neuem Spannung und Interesse aufgebaut werden. In der Vergangenheit hat man sich viel Gedanken darüber gemacht, wie man geschickt von einer Szene in die andere überleitet, ohne dass ein großer Schnitt zwischen den beiden entsteht. Sol Stein schreibt nun, dass der Leser inzwischen vom Kino und von Fernsehsendungen an harte und schnelle Schnitte gewohnt ist und dass man das ruhig auch aufs Schreiben übertragen könne. Das möchte ich auch dir raten @Vampirfreak_SoSo. Mach dir nicht so viele Gedanken um die Übergänge 😉 Setze besser einen klaren Schnitt, der verdeutlicht, dass die alte Szene vorbei ist und eine neue beginnt, wenn dir keine passende Überleitung einfällt.

Das geht übrigens auch in der Ich-Perspektive. Dazu gehört auch, dass man nicht alles beschreibt, was die Ich-Figur erlebt, nach dem Motto: „Als ich am nächsten Morgen aufwachte, ging ich erstmal in die Dusche, trocknete mich danach ab, föhnte meine Haare…“ Bis „dann schaute ich noch ein wenig fern bis ich müde wurde, ins Bad ging um mich bettfertig zu machen und dann erschöpft und auf der Stelle einschlief.“ Diese Übergänge vom einen in den anderen Tag interessieren wirklich niemanden (zumindest mich nicht). Man kann sie als Mittel verwenden, wenn der Figur etwas im Kopf herum geht, sodass sie beispielsweise die Abläufe verdreht oder etwas vergisst, was sie normalerweise tun würde. Oder wenn in dieser Szene etwas wichtiges passiert. Ansonsten finde ich diese Bad-Geschichten eher unnötig, sie strecken die Handlung, nehmen die Spannung, weil einfach nichts wichtiges passiert. Eine Geschichte soll ja keine 24-Stunden-Überwachung von jemandem sein. Stellt euch vor, eure Geschichte ist wie ein Tagebuch. Eure Figur würde auch nicht rein schreiben „Habe heute morgen geduscht.“ Sie würde es nur schreiben, wenn es etwas Besonderes wäre, zum Beispiel: „Ich war noch so in Gedanken an Tobi, dass ich heute morgen in der Dusche den Hahn mit dem kalten Wasser anstatt mit dem warmen aufgedreht hab und als ich endlich fertig war, bin ich auch noch ausgerutscht (weil mein doofer Bruder es nicht schafft, das Wasser vom Boden zu wischen). Deswegen hab ich an der Stirn jetzt einen riesigen blauen Fleck…“ Etc.

 

Szenen und Kapitel

Wie ihr wisst, sind die meisten Geschichten in Szenen und Kapitel eingeteilt. Dabei passiert eine Szene in der Einheit von Ort, Akteur und Handlung. Wenn also euer Akteur nach einer Handlung den Ort wechselt, ist das eine neue Szene. Sol Stein rät dazu, die Szene zu wechseln, wenn die Spannung aufgebaut ist. Ihr kennt das vielleicht aus Krimis. Dort möchte man gern wissen, was passiert nachdem nachts ans Fenster geklopft wurde, aber die Szene wechselt zu einer anderen. Ab und zu sollte man aber auch so spannungsgeladene Handlungsstränge fortführen, damit sich der Leser nicht immer um die Erkenntnis betrogen fühlt.

Mehrere Szenen wiederum bilden ein Kapitel. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mache bei Kapitelenden gerne Pause, wenn ich lese. Gerade bei Wattpad ist das ja noch viel extremer. Um so wichtiger ist es, am Ende eines Kapitels ein Spannungselement einzubauen, eine Erwartung zu wecken, aber den Leser nicht an das Ziel seiner Erwartungen zu führen. Lasst eure Leser mit einer Hand an der Klippe baumeln, bevor ihr das nächste Kapitel beginnt. Solche „Cliffhanger“ (im wahrsten Sinne des Wortes) lassen eure Leser auf das nächste Kapitel hin fiebern. Je nachdem was ihr in der Szene bzw. dem Kapitel erreichen wollt, macht es Sinn, über die Einteilung in Szenen und Kapitel nachzudenken.

 

Das Ende

@KaroomSmily, das Ende ist wohl wieder Geschmackssache. Es gibt Geschichten, die alles offen lassen, was danach mit den Figuren passiert, ob die Entscheidungen letztendlich gut oder schlecht waren, die sie getroffen haben, und so weiter. Daneben gibt es Geschichten, die in ein oder zwei Kapiteln noch beschreiben, wie toll/traurig/… jetzt alles ist und wie sie damit zurecht kommen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir zwar im Moment des Lesens besser gefällt, wenn ich weiß, dass es meinen Lieblingsfiguren am Ende gut geht und dass sie fünf Jahre später zwei hübsche Kinder haben und glücklich sind. Das befriedigt meine Neugierde, die ich das Buch hinweg aufgebaut habe. Allerdings habe ich festgestellt, dass mir die Bücher mit offenem Ende länger in Erinnerung geblieben sind, weil man einfach mehr über sie nachdenkt. Das ist es, was ich an guten Büchern schätze. Genauso gibt es aber auch andere Vorlieben und ich fürchte, ich kann dir hier keinen klaren Rat geben. Ich tippe mal darauf, dass deine Leser irgendwann immer sagen werden: „Was?! Es ist schon vorbei?!“ Aber meiner Meinung nach ist es besser, einen klaren Schlussstrich zu ziehen, als am Ende zu viel zu schreiben.

 

Und viel schreiben möchte ich am Ende auch nicht, ich wollte euch nur meinen Plan für die nächsten paar Kapitel mitteilen: Es wird ein wenig was zum roten Faden kommen und wie man den nicht aus den Augen verliert, dann ein Kapitel zum realistischen/glaubwürdigen/logischen Schreiben und zu guter Letzt zur Titelfindung/Namensgebung/wie man einen guten Klappentext verfasst. Ansonsten bin ich für Anfragen immer offen 🙂 Noch eine tolle Woche!

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