Auf die Hörner genommen (2)

Ich sehe die Statue an, immer noch unfähig mich zu bewegen, als der Bogen beginnt zu vibrieren, erst ganz sachte, dann in einem unerklärlichen Rhythmus immer intensiver. Hufe, schießt es mir ein den Kopf, und ich kann mir jetzt auch erklären, was die seltsamen Spuren im Staub waren.
„Im Ernst, willst du sterben?“
Meine Statue ist in der Zwischenzeit bereits zum anderen Ende des Ganges gelaufen, wo sie ungeduldig wippend auf mich wartet. Zögernd setze ich mich in Bewegung, immer in der Erwartung, dass dieser Spuk gleich vorbei ist und ich vor meinem Hörsaal stehe. Immer wieder blicke ich mich um, das Vibrieren wird immer schneller und nun ertönt wieder das Brüllen, es klingt zornig und verdammt nah. Dann biegt er um die Ecke und ich sehe den Minotaurus in seiner ganzen Schönheit vor mir. Oder auch nicht. Sein Fell zieht ziemlich übel aus, es hängt in Fetzen von seinem knochigen Körper, den Kopf hält er tief und geht deshalb seltsam gebeugt. Ich kann mir gut vorstellen, dass er nur so brüllt, weil er unglaubliche Rückenschmerzen hat.  
Nun kommt auch Leben in die anderen Statuen, sie reißen sich die Plastikfolien von den Körpern und folgen meiner Statue hinterher, die den Gang inzwischen verlassen hat. Ich blicke wieder zum Minotaurus und stelle fest, dass ich das einzig übriggebliebene Ziel im Raum bin und er seine stumpf abgewetzten Hörner direkt auf mich gerichtet hat. Nicht gut. In einem Anflug von Panik nehme ich die Beine in die Hände und renne – um mein Leben wäre wahrscheinlich übertrieben, aber es kommt schon verdammt nahe dran.
Schnaufend und keuchend kommt das Ungetüm hinter mir her, ich biege um die Ecke des Gangs, kann aber die Statuen nirgends entdecken. Entweder haben sie sich in Luft aufgelöst, oder es gibt einen Weg, den ich in meiner Panik übersehen habe, denn nach der nächsten Biegung endet vor mir der Flur plötzlich in einer hässlichen, grauen Wand. Shit. Der raue Putz liegt kühl unter meinen erhitzten Handflächen, als ich mich umdrehe, um dem Minotaurus die Stirn zu bieten. Oder so ähnlich. Denn er sieht aus, als hätte er eine verdammt stabile Stirn.
Vor mir aufgebaut, überragt er mich sicherlich um die Hälfte meiner Körpergröße, weswegen ich auch so langsam zu ihm aufschauen muss, je näher er mir kommt. Er hat sein Tempo gedrosselt, weiß, dass er mich in der Falle hat, oder er hat einfach nur keine Kondition, denn sein Schnaufen klingt lustigerweise wie meins: ziemlich unsportlich. Langsam öffnet sich hinter dem Minotaurus eine Tür, meine Statue streckt ihren Kopf heraus und winkt mir auffordernd zu. Würd ich ja gern, leider steht zwischen uns aber ein ziemliches Problem, das ich erstmal aus der Welt schaffen muss.
Mit blutunterlaufenen Augen nimmt mich das Ungeheuer ins Visier und senkt den Kopf so weit, dass seine Hörner parallel zum Boden auf mich zu rasen. Wikkie würde sich jetzt mit dem Finger an der Nase herum reiben und mit einem Schnipsen verkünden, dass sie eine rettende Lösung für die brenzlige Situation gefunden hat. Ich muss das gar nicht ausprobieren, um zu sehen, dass es bei mir nicht funktionieren wird. Bleibt also nur noch das gute, alte Ausweichen.
Ich muss nur warten, bis der Minotaurus nah genug bei mir ist… noch ein wenig… bis es fast zu spät ist, dann unter seinen Hörnern wegducken und einen Sprint ansetzen, für den ich in der Schule bestimmt eine Eins bekommen hätte. Dabei bleibt leider meine Basecap auf der Strecke, das rechte Minotaurushorn hat sie gnadenlos aufgespießt. In einem Film würden die Hörner jetzt in der Wand stecken bleiben und der Riese wäre unfähig sich zu rühren. Leider funktioniert das nicht ganz so wie geplant, denn mein Verfolger ist mir wieder auf den Versen, hinter ihm hat die Wand nur ein paar Dellen und Risse abbekommen. Kein Wunder, dass hier renoviert werden muss.
Mit einem letzten Hechtsprung rette ich mich hinter die Tür, wo die Statuen warten und mich alle mit großen Augen ansehen. Die Tür fällt ins Schloss und keinen Augenblick später donnert der Körper des Minotaurus dagegen.
„Ich bin Elena“, meint meine Statue und streckt mir ihre Hand entgegen.
„Thies“, stelle ich mich vor. Mein Vorname ist schon seit längerem Tabu, denn ganz ehrlich? Schlimmer geht’s nicht mehr.
Weich und kühl liegt ihre Hand in meiner und ganz kurz erfasst mich, wie eine Parfümwolke, ihre Ausstrahlung, die mich erahnen lässt, wie unendlich alt sie sein muss.
„Herzlichen Glückwunsch, du hast so eben einen Minotaurus überlebt“, sagt sie in einer fast maschinellen Stimme und ich kann mich nicht so richtig entscheiden, ob sie es sarkastisch oder tatsächlich bewundernd meint. Wohl eher sarkastisch, wenn ich an meine Hasenjagd-artige Flucht denke. Nichts womit ich mich rühmen müsste.

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