(8) Ein Schritt nach vorne

JCK1236 – 05.04.1260 – 08:18

Die kühle Luft der Klimaanlage strich um Janes Beine. Auf ihrem Bildschirm schob sie Tabellen und Daten hin und her, sandte sie in die Chefetage, lud sich neue. Es war jeden Morgen wie ein Ritual: Erst einmal zu testen, wie erfolgreich der alte Tag gewesen war, bevor man einen neuen begann. Heute jedoch driftete ihr Blick immer wieder an den Tabellen vorbei, durchs Fenster hinaus auf die scheinbar grenzenlose Stadt.
„Morgen!“ Knallend flog die Tür hinter ihrer Kollegin zu. Mae’s schwarzes Haar flatterte wie ein Schleier hinter ihr her und ihre Maske zeigte wie immer irgendein chinesisches Schriftzeichen, das Jane nicht lesen konnte.
„Was bedeutet das?“, fragte Jane neugierig und lud sich währenddessen die neuesten Tabellen herunter. Als Mae jedoch laut loslachte, blickte sie verwundert zu ihrer Kollegin hinüber.

„Keine Ahnung, sehe ich so aus, als sollte ich das wissen?“ Für kurze Zeit verdrängte ein Tränen lachender Smiley das Schriftzeichen. „Und bei dir, das gleiche wie gestern?“, fragte sie dann und setzte sich an ihren Schreibtisch.
„Ich bin ein wenig durch den Wind“, meinte Jane entschuldigend, nachdem sie schnell das Bild geändert hatte. „Vorgestern lief ein Mann ohne Maske durch die Stadt! Und am Tag davor wurde jemand umgebracht, mitten im Wohngebiet. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Was, wenn meinen Kindern etwas passiert?“
Nachdenklich schob Mae ein paar Speichereinheiten auf ihrem unordentlichen Schreibtisch hin und her.
„Machen wir nachher zusammen Mittag?“, fragte sie dann. Jane zuckte nur mit den Schultern.
Nach der Mittagsbesprechung sandte Jane die letzten Statistiken nach oben und lehnte sich seufzend in ihrem Stuhl zurück.
„Bist du fertig?“, fragte Mae und erhob sich von ihrem Platz. Jane nickte. Sie wusste nicht, was Mae vorhatte, und zögerte deshalb. Mae dagegen aktivierte die Sprechanlage.
„Wir machen Pause“, gab sie durch und zog Jane dann am Arm zum Fahrstuhl.
Seltsamerweise machten sie erst im Keller Halt. Der PVC Boden quietschte unter ihren Schuhsohlen, als sie den spärlich beleuchteten Gang entlang gingen und schließlich vor einer schweren Eisentür stoppten. Mit einem Ruck zog Mae die Tür auf.
„Komm mit“, sagte sie noch, dann war sie im nächsten Raum verschwunden.
Jane jedoch war wie versteinert. Vor ihr, in diesem unscheinbaren Kellerraum, breitete sich eine riesige Plantage aus. Pflanze um Pflanze reihte sich kopfhoch aneinander, es waren unzählbar viele, die hier vor sich hin vegetierten. Sonnenlicht imitierende Lampen spendeten warmes Licht und Jane vermutete, dass die Schläuche, die über Decke und Wände liefen, für die Wasserversorgung zuständig waren.
„Was dachstest du, woher die Stadt ihre Lebensmittel bekommt? Vom Land?“ Maes Stimme ertönte von weiter hinten, dann erschallte ihr herzhaftes Lachen. „Komm schon, sie tun dir nichts, versprochen.“
Irgendwo zwischen den Reihen der Pflanzen blieb Mae stehen und winkte Jane zu sich.
„Hier sollte uns für den Moment niemand finden.“
Jane sah sich um. Die Betonwände waren von hier aus nahezu nicht mehr zu sehen, als wäre der Raum riesig, schier endlos. Ein endloses Labyrinth aus grünen, giftigen Pflanzen. Jane streckte eine Hand aus, bis sie fast eines der Blätter berührte. Kräftig und vor Leben strotzend strahlte ihr das Grün entgegen. So viel Gesundheit, so viel Nahrung, doch sie hatte keine Ahnung, was das für Pflanzen sein sollten.
„Kann man die anfassen?“
„Denkst du sie sind giftig oder so? Natürlich kannst du das. Du kannst sie sogar essen, wenn du wolltest.“
Das sagt sie so leicht, dachte sich Jane, wo doch jeder weiß, dass die Seuche von den vielen Pflanzen ausging, besonders von den Nutzpflanzen. Blitzschnell zog sie ihre Hand zurück, bevor sie eines der Blätter berühren konnte.
„Warum sind wir hier?“
„Was, glaubst du, kannst du tun, um deine Kinder zu schützen?“
„Ich weiß nicht. Etwas verändern.“ Jane starrte ihre Kollegin an und versuchte die aufkeimende Nervosität zu unterdrücken. Die ganze Szene mit den Lichtern, die von der Decke hingen und sie blendeten, erinnerte sie an die Verhöre aus diesen alten Gangster-Filmen. Wie wohl das Urteil über mich ausfallen würde?
„Ich will auch etwas verändern“, antwortete Mae und Jane konnte die Freude in ihrer Stimme hören. „Und wir sind immer auf der Suche nach Gleichgesinnten.“
„Wen meinst du?“
„Wir treffen uns, planen Versammlungen, tauschen uns aus…“
„Wer ihr?“ Doch Mae schien gar nicht zuzuhören.
„Meistens fehlt es uns ein wenig an Organisation…“
„Mae!“ Laut und unnatürlich schallte ihre Stimme durch den Raum und ließ den Pflanzenwald erzittern.
„Wer seid ihr?“, fragte sie ein letztes Mal, nun leise und bestimmt.
„Wir sind die Rebellen. Und wir verändern die Stadt.“
Abends lief Jane die Gassen entlang. Der hell erleuchtete Asphalt war nass vom Regen, an manchen Stellen hatten sich Pfützen gebildet, denen Jane mit großen Schritten auswich. Früher habe ich es geliebt, über die Pfützen zu springen, erinnerte sie sich und beschleunigte ihren Gang. Jetzt war es anders, jetzt war sie erwachsen und hatte keine Zeit für solche Spielereien.
Jane hoffte, dass niemand sie auf ihrem Weg sah, denn derjenige würde gleich Verdacht schöpfen. Ein letztes Mal bog sie um eine Ecke, dann hatte sie Nummer 28 erreicht.
Nachdem Jane geklopft hatte, ertönte im Innern eine dunkle Stimme.
„Wer ist da?“
„Eine Kundin.“ Jane hoffte, sie tat das richtige, indem sie hier her kam. Nervös knetete sie den Griff ihrer Tasche. Wenn sie nun falsch war und sie jemand anzeigte?
Die Tür öffnete sich. Eine Frau kam dahinter zum Vorschein, zerbrechlich und alt stand sie Jane gegenüber. Unter ihrem Pullover zeichnete sich ein Witwenbuckel ab, der sie wirken ließ, als ginge sie in Deckung, vor Jane, vor der Außenwelt, vor dem Leben. Mit einem Wink bat sie Jane herein.
„Nun, was wollen Sie hier?“, fragte die Frau und zerbrach eine Verdampfungskapsel mit hellgrünem Inhalt. Die beiden standen in einer Art Wintergarten, nur waren die Fenster allesamt milchig und verschmiert.
„Ich möchte helfen.“
„Das klingt nobel. Aber sind Sie sich auch bewusst, was das für Sie bedeutet?“ Dichter Rauch wehte durch den Raum, vernebelte Janes Sicht.
„Ich denke schon. Bitte, schicken Sie mich nicht weg.“
„Nun gut.“ Die Frau zerbrach die Glasampulle, warf sie in einen Eimer unter dem Tisch und reichte dann Jane die Hand. „Ich bin Eliza. Ich zeige Ihnen, was wir hier machen.“
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