Archetypen und Soziogramme

Meine Lieben, heute komme ich zum letzten Kapitel im Überthema „Handlungsentwicklung“, in dem ich mich vor allem mit Archetypen und Soziogrammen beschäftigen will. Ihr habt davon vielleicht schon einmal in einem anderen Kontext gehört und fragt euch jetzt, wie ihr das für eure Geschichte verwenden könnt, aber das kommt noch, keine Angst 😉 Beginnen wir von vorne.
Was ist ein Archetyp?

Um es einfach zu beschreiben, ist ein Archetyp ein Urbild oder ein idealtypisches Bild einer Person. Am besten wird das wohl an einem Beispiel deutlich.
Ihr erfahrt zu einer Figur nur, dass sie die Mutter von einem oder mehreren Kindern ist. Welche Vorstellung weckt diese Information in euch? Welches Bild habt ihr im Kopf? Es gibt bestimmte Eigenschaften, die die Mehrheit der Menschen sofort mit dem Begriff der Mutter verbinden (natürlich kann das je nach Kultur auch unterschiedlich ausfallen). Eine Mutter ist meist schon älter, besonders wenn die Kinder schon ein gewisses Alter erreicht haben. Ihr wird ein Beschützerinstinkt zugeschrieben, Verantwortungsbewusstsein und so weiter. Diese Eigenschaften sind in gewisser Weise in unserer Gesellschaft verwurzelt, wir sind mit ihnen aufgewachsen und kennen sie, wenn auch oft unbewusst.
Wie kann ich den Archetyp nutzen?
Wie ihr seht, hat das Bild einer Mutter mehrere Bedeutungsschichten. Seid ihr euch nun sicher, eine Mutter in eure Geschichte einbauen zu wollen, solltet ihr klären, auf welcher Bedeutungsschicht ihr die Figur beschreiben wollt (Verantwortung, Beschützerin, …). Ebenso solltet ihr entscheiden, ob ihr die damit verbundenen Erwartungen der Leser bewusst erfüllen oder enttäuschen wollt. Eine Mutter, die zum Beispiel unverantwortlich handelt, lässt gleich ein viel deutlicheres Bild im Kopf entstehen, ohne dass ihr viel mehr beschreiben müsst.
Worauf muss ich dabei achten?
Wichtig ist jetzt, nicht in eine Klischee-Beschreibung zu verfallen. Wie oft wurde eine Mutter beschrieben, die sich gluckenhaft-fürsorglich um ihre Schützlinge kümmert? Oder die sich eben kein Bisschen dafür interessiert? Lasst nun eure Figuren zu Individuen werden, indem ihr neben den archetypischen Eigenschaften noch individuelle Eigenheiten hinzufügt, um sie von den vielen anderen Müttern hervorzuheben.
Ein Beispiel: Der Mentor
Der Mentor ist schon bei der Heldenreise aufgetaucht, ich denke ihr könnt euch alle ungefähr vorstellen, was der Begriff „Mentor“ beschreibt. Diese Figur sollte Erklärungen bereit halten, Tipps für den unerfahrenen Helden geben, mit Rat zur Seite stehen. Meist ist er älter und weise. Sehen wir uns nun Dumbledoraus Harry Potter an. In vielen Eigenschaften entspricht er dem klassischen Mentor-Archetypen: Er steht Harry von Anfang an zur Seite, hilft ihm bei Aufgaben, ist Respektperson und deshalb auch gleichzeitig unerreichbar fern. Er wird jedoch nicht zu einem Klischee-Mentor, da er auch individuelle Eigenschaften besitzt, die nicht unbedingt zum Mentor-Archetypen passen. Besonders ins Auge fallend wäre wohl seine Eigenschaft als „Kindskopf“. Er mag Süßigkeiten, hat irgendwie auch Verständnis für die Streiche der Schüler, kichert und lacht über kindische Sachen. Welche Mentoren kennt ihr noch und entsprechen die dem Archetypen des Mentors? (Beispiele: Haymitchaus The Hunger Games)
Welche Archetypen gibt es denn noch?
Archetypen finden wir zum Beispiel bei klassischen Rollenvorstellungenin der Gesellschaft: Mutter, Vater, Ehemann, Tochter, Großvater, beste Freundin, …
Oder ihr bedient euch bei Figuren aus Märchenund alten Erzählungen, die jeder kennt: König, Narr, Gestaltwandler, Einsiedler, Tyrann, Rebell, Hexe, Verführerin, Krieger, …
Beliebt sind auch mythologischeFiguren oder Figuren aus der Bibel: Messias, Zeus, Amazone, der Held, Maria, Judas, Hades, …
Jede dieser Figuren hat typische Eigenschaften, die ihr auch im Internet nachlesen könnt. Wichtig ist, dass ihr euch sicher seid, dass eure Leser etwas mit diesem Archetyp anfangen können! Das ist bei den mythologischen Figuren vielleicht etwas knifflig 😉 Welche Archetypen kennt ihr noch oder findet ihr besonders spannend?
Was ist dann das Soziogramm?
Ihr habt das vielleicht schon im Deutschunterricht benutzt, wir haben es damals „Personenkonstellation“ genannt. Es ist eine grafische Übersicht aller Figuren und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Genauso könnt ihr das für eure eigene Geschichte entwerfen.
Versucht es mal mit kleinen Figuren, die kann man so drehen oder hinstellen, dass sie sich wirklich anschauen, einander den Rücken zukehren und so weiter. Benennt nun die Figuren nach ihren Rollen, die sie in der Geschichte einnehmen, zum Beispiel Mutter, beste Freundin, Held, Tyrann, … Normalerweise geht man davon aus, dass jede Rolle in einem Soziogramm nur einmal besetzt werden kann. Dies dient der Übersichtlichkeit und man vermeidet unnötige Verwirrung. Allerdings kann man eine Dopplung auch bewusst einsetzen, um Spannung zu erzeugen. Treten in einer Geschichte zum Beispiel zwei Figuren in der Rolle „bester Freund“ auf, entsteht die Spannung vielleicht daraus, dass die beiden Figuren irgendwann miteinander konkurrieren (müssen). Ich weiß, in der Realität ist das oft anders, aber in einem Roman kann das zur Eskalation führen.
Übung: Erstellt ein Soziogramm (entweder zu eurer eigenen Geschichte oder zu einer anderen, zum Beispiel The Hunger Games). Welche Rollen kommen vor? Wurden Rollen doppelt besetzt (besonders bei The Hunger Games)? Wie wirkt sich das auf die Handlung aus?
Kurze Anmerkung: Der Ausblick auf die nächsten Kapitel verspricht viel Informationen zu Schreibstil und Überarbeitung des Geschriebenen, ich hoffe ihr freut euch drauf! ^.^
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