Vier Schreibtypen

So meine Lieben, auf dieses Kapitel freue ich mich schon seit Langem, denn hier möchte ich mit euch klären, welcher Schreibtyp ihr seid und wie ihr daran arbeiten könnt, effizienter zu schreiben. Mir persönlich hat es sehr geholfen zu klären, wie ich am liebsten arbeite, und im Gegensatz dazu auch mal neue Methoden auszuprobieren.
Bei den Autoren gibt es zwei Extreme, einmal die, die alles genau durchplanen und strukturieren bevor sie schreiben, und dann die, die erst einmal losschreiben und dann im Laufe des Schreibens die Handlung ausarbeiten. Dazwischen gibt es noch zwei Abstufungen, zusammengerechnet sind das vier Schreibtypen, die ich euch im Folgenden vorstellen möchte.

Seat-of-the-pants
Wörtlich übersetzt bedeutet das „vom Hosenboden aus“, im übertragenen Sinne verlässt sich dieser Schreibtyp auf sein Bauchgefühl. Ich habe mal gehört, dass zum Beispiel Stephen King so schreibt: Er verfasst in einem Rutsch einen ersten Entwurf des Romans und beginnt dann einen roten Faden einzuarbeiten, streicht manche Szenen, schreibt andere aus, bis er mit dem Gesamtwerk zufrieden ist.
Diese Art zu schreiben fordert allerdings viel vom Autor. Man muss bereit sein, möglicherweise alles bereits Geschriebene zur Seite zu legen und nochmal NEU anzufangen. Mir persönlich fällt das unheimlich schwer, weil mir manche Szenen einfach ans Herz gewachsen sind 😉
Edit-as-you-go
Bezeichnet ganz einfach die Methode, eine Szene zu schreiben, inhaltlich und formal komplett zu überarbeiten und zur nächsten Szene zu gehen. Hier plant man im Voraus nicht all zu viel, lässt sich aber auch nicht ins kalte Wasser werfen wie beim ersten Schreibstil. Man hat die Möglichkeit, sich in jeder Szene treiben zu lassen und zuzuschauen, wohin sich die Geschichte entwickelt, allerdings mit der Sicherheit, dass das, was man bisher geschrieben hat, schon bearbeitet ist und als ordentliche Grundlage fürs Weiterschreiben dient.
Diese Methode habe ich bisher immer verfolgt (und ich glaube auch, dass sich viele von euch damit identifizieren können, was auch am Kapitel-für-Kapitel-Veröffentlichen auf Wattpad liegen könnte ^^). Mein größtes Problem war allerdings, dass ich ein paar Kapitel geschrieben und überarbeitet hatte und plötzlich nicht mehr richtig wusste, wo es nun hingehen sollte. Dieses Problem kann mit der nächsten Methode ganz einfach behoben werden.
Snowflake
Hier plant ihr eure Geschichte wie eine Schneeflocke, ihr beginnt in der Mitte, beim inhaltlichen Kern und arbeitet euch verzweigend immer weiter nach außen. So wird eure Geschichte immer größer und komplexer, je weiter ihr daran arbeitet, aber den Kern verliert ihr nicht so schnell aus den Augen. Ich habe mit dieser Methode an der „Stadt der Masken“ gearbeitet und es hat mir wirklich weitergeholfen! Diese Idee stammt natürlich wieder nicht von mir, sondern von Randy Ingermanson. Wer mehr darüber lesen will, kann auch mal auf seiner Homepage nachschauen: http://www.advancedfictionwriting.com
1) Worum geht es in deiner Geschichte? Fasse die Story in einem Satz zusammen, sodass der zentrale Konflikt erzählt wird.
2) Wie verläuft die Spannung? Schreibe einen Dreiakter in fünf Sätzen: Für Einleitung und Hinführung hast du zwei Sätze, für den Höhepunkt einen und für das Scheitern und den Schluss wieder zwei Sätze.
3) Von wem handelt die Geschichte? Skizziere deine Hauptfiguren nach Alter, Beruf und Rolle in der Geschichte.
4) Short Synopsis. Beschreibe deine Handlung genauer, versuche ungefähr eine Seite damit zu füllen, was nacheinander passiert.
5) Charakter Sketches. Fokussiere dich wieder auf die Charaktere: Welche Eigenschaften haben sie? Wie entwickeln sie sich im Laufe der Geschichte? Welche Beziehungen bauen sie untereinander auf?
6) Long Synopsis. Versuche nun, jeden Teil der Geschichte noch weiter auszuführen. Was du beim Dreiakter zusammengefasst hast, solltest du nun auf einer Seite beschreiben. Das ergibt insgesamt fünf Seiten (ausschließlich Zusammenfassung!).
7) Charakter Bible. Erstelle nun zu jedem Charakter einen ausführlichen Steckbrief mit genauen Angaben zu seinen Eigenschaften.
8) Scene List. Ausgehend von der Long Synopsis machst du dir nun eine Übersicht mit allen Szenen, die du beschreiben möchtest. Wichtig ist hier aufzuschreiben, wer was wann wo macht (z.B. bei einem Krimi: Wer erhält wann welche Informationen?).
9) Szenen analysieren. Passen die Szenen und ihre Reihenfolge zueinander? Machen die Szenen in dieser Abfolge Sinn? Kann ich die Spannung erhöhen, wenn ich die Abfolge abändere? Sind die Szenen in sich stimmig? Diese Analyse könnt ihr vor oder nach dem Schreiben durchführen.
10) Schreiben und editieren.
Das klingt jetzt erstmal kompliziert und nach viel Arbeit. Ich hab auch am Anfang gedacht: Wie soll mir das denn weiterhelfen? Mein Problem ist es, dass ich irgendwann mittendrin eine ganz neue Idee habe, wie sich die Geschichte entwickeln könnte, aber dann mein Anfang nicht mehr passt, weil ich mir damals noch keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie es ausgeht. Bei der „Stadt der Masken“ habe ich mich dazu gezwungen, vorher zu überlegen, was ich wann beschreiben möchte, und vor allem zu klären, wie alles ausgehen soll. So sind mir viele Schwächen aufgefallen, offene Fragen sind aufgetaucht… Hindernisse, die ich schon im Vorfeld aus dem Weg räumen konnte. Jetzt kann ich mich komplett aufs Schreiben konzentrieren. Ihr müsst die Schritte auch nicht komplett durchlaufen, ich hab auch ein paar ausgelassen, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Aber besonders Punkt 1, Punkt 4 und die Szenenliste finde ich wichtig für das Ausreifen einer Geschichte.
Im Internet kursiert ein Foto von der handschriftlichen Szenenliste von Harry Potter, das J. K. Rowling selbst verfasst haben soll. Solche Listen können echt hilfreich sein, wenn man den Überblick über seine Handlungsstränge und Spannungsbögen behalten möchte.
Ihr könnt die einzelnen Szenen auch auf Karteikarten oder Klebezettel schreiben, damit ihr die Reihenfolge schnell abändern könnt. Wenn ihr zum Beispiel eine Szene von weiter hinten schon mal schreiben wollt, wisst ihr genau was vorher alles passiert ist. Damit umgeht ihr die Gefahr, dass die einzelnen Szenen nachher nicht zusammen passen.
Hier ist es allerdings immer noch möglich, während dem Schreiben zum Beispiel die Karteikarten umzulegen, die Szene in eine andere Richtung laufen zu lassen oder zu ermöglichen, dass die Charaktere spontan handeln. Der nächste Schreibtyp geht allerdings noch einen Schritt weiter.
Outline
Dieser Schreibtyp plant vor dem Schreiben wirklich alles. Ich habe schon von Autoren gehört, deren Zusammenfassungen mehrere dutzend Seiten umfasst! Jede Szene wird geplant und vorher ausgefeilt, bevor sie dann endgültig geschrieben wird.
Natürlich gibt es nicht nur diese vier Schreibtypen, ihr könnt genausogut irgendwo dazwischen liegen. Wo würdet ihr euch einordnen? Welche Schwächen und Stärken haben die verschiedenen Herangehensweisen in euren Augen? Auch ich suche immer noch die ideale Position, deshalb würden mich eure Anmerkungen und Ideen dazu interessieren.
Noch eine kleine Anmerkung zum Schluss: Ich möchte betonen, dass dieses Buch euch dabei helfen soll, einen ausführlichen und umfassenden Roman zu schreiben. Besonders in den nächsten Kapiteln wird das vielleicht deutlicher herauskommen. In manchen Punkten unterscheidet sich Wattpad von einer normalen Veröffentlichung, zum Beispiel was die Kapitellänge und -ausgestaltung oder die Schreibweise angeht. Vergesst das bitte nicht, auch ich werde versuchen, ab und zu darauf hinzuweisen, wenn ich Unterschiede entdecke.
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