Die Heldenreise

Viele von euch werden das Prinzip der Heldenreise kennen, wenn auch nicht unter dem Namen. Ihr habt schon unzählige Filme und Bücher gesehen und gelesen, die nach diesem Prinzip geschrieben wurden, das verspreche ich euch 😉
Die Heldenreise ist eine Methode, um Geschichten zu erzählen. Sie besteht aus zwölf Schritten, die ein Held nacheinander durchläuft und die ihn letztendlich verändern. Ich werde euch nun diese zwölf Schritte vorstellen und sie anhand Star Wars IV veranschaulichen. Wer sich nicht so gut in den alten Star Wars Filmen bewandert fühlt, der kann ja versuchen die Schritte, die ich nenne, auf andere Filme zu übertragen (zum Beispiel mit Avatar funktioniert das ganz gut).
Los geht’s zur Heldenreise!

1. Ausgangssituation
Das normale Leben unseres Helden wird beschrieben: Wie lebt er? Ist er unglücklich? Welche Menschen umgeben ihn? Und aus welcher Welt wird er schließlich entrissen? In Star Wars wären das die Szenen, wo wir Luke bei seiner Arbeit auf der Farm sehen und im Gespräch mit Tante und Onkel. Dies ist das Leben, das er gleich zurück lassen muss.
2. Auslöser: Der Ruf
Ein besonderer Moment oder eine Situation lockt den Helden aus dieser gewohnten Umgebung. Bei Luke wäre das entweder die geheimnisvolle Nachricht, die R2D2 ihm vorspielt, oder das Angebot Obi-Wans, ihn mit hinaus in die Galaxie zu nehmen und auszubilden.
3. Weigerung / Widerstand / Der Schwellenhüter
Nun gibt es aber etwas, das unseren Helden daran hindert, einfach aufzubrechen. Sonst wäre es ja auch viel zu einfach. Es ist der Gedanke an seine Familie und sein Verantwortungsgefühl, die Luke zögern lassen. Genausogut kann es aber auch eine reale Schwelle sein, zum Beispiel die Grenze einer Stadt oder eines Landes, eine Mauer, eine verschlossene Tür oder die Mutter, die es der Tochter verbietet auszuziehen. Diese Mutter wäre in dem Fall der Schwellenhüter, der darüber wacht, dass niemand einfach so abhaut.
4. Erster Wendepunkt: Ein starkes Ziel / Der Mentor
Etwas muss passieren, damit der Held die Schwelle doch übertreten kann. Bei Luke ist das der Angriff der Klonkrieger auf sein Zuhause, bei dem Tante und Onkel sterben. Er verliert damit seine Familie, aber auch das Gefühl für sie Verantwortung zu haben.
In dieser Situation fühlt sich der Held meist etwas orientierungslos, bis ihm sein Mentor zur Hilfe kommt und ihm einen Weg in die Zukunft zeigt oder ein Ziel, das es zu verfolgen gilt. Auch in Star Wars bietet Obi-Wan Kenobi Luke an, er könne ihn begleiten. Lukes Ziel ist es dabei auch, den Tod seiner Familie durch die imperialen Truppen zu rächen.
5. Die Reise / Die erste Schwelle
Der Held startet nun ins Unbekannte. Auf dem Weg stellen sich ihm erste Hindernisse und er muss sich neu orientieren, da er teilweise andere Rollen einnimmt, als in seiner bisher gewohnten Welt. Luke beginnt seine Reise mit Obi-Wan zunächst in den nächsten Raumhafen und von dort aus mit Han Solo durch den Hyperraum. Immer wieder gibt es Hürden, zum Beispiel in der Bar oder am Abflugterminal, wo sie fast von den Sturmtruppen eingeholt werden.
6. Bewährungsproben / Verbündete / Feinde
Da mich @jonajohnsson zum Glück darauf hingewiesen hat, dass der Punkt 6 fehlt, hole ich das jetzt mal schnell nach ^^
So wie auch Luke die Sturmtruppen des Imperiums kennen lernt, aber auch durch den Falken auf Han Solo und Chewbacca trifft, so wird auch der Held im Allgemeinen langsam auf seine Prüfungen vorbereitet. Die Freunde werden ihm dabei helfen und ihm in Zukunft zur Seite stehen. Schritt für Schritt steigern sich die Hürden, die der Held überwinden muss, bis wir zum nächsten Punkt kommen.
7. Die Zerreisprobe / Verzweiflung / Vordringen zur tiefsten Höhle / Point of no Return
Ausgehend aus dieser Reise wird es jetzt zum ersten Mal ernst: Der Held gelangt in die Höhle des Löwen und muss sich und seine Stärke beweisen. Meist erkennt der Held hier, dass er der großen Herausforderung noch nicht gewachsen ist und dass er sich noch weiter entwickeln muss, um zum Schluss zu gewinnen. Gleichzeitig ist er schon so weit in die Geschichte verwickelt, dass er jetzt nicht mehr umdrehen kann. In Star Wars ist diese „Höhle“ beinahe wörtlich zu nehmen und findet in mehreren Stufen statt. Zunächst wird Hans Raumschiff im Todesstern festgehalten, dann schleichen sich Han und Luke bis in die Zelle, in der Leia inhaftiert ist, und schließlich sitzen sie in der Müllpresse, die ja wirklich fast „höhlenartig“ wirkt und auch von einem solchen Lebewesen bewohnt wird. Sowohl Han als auch Luke entscheiden sich in diesen Szenen, ihr Leben für die anstehende Mission zu geben, wenn auch noch nicht ganz bewusst.
8. Zweiter Wendepunkt: Scheitern / Die Katastrophe / Die zentrale Krise
Hier geschieht das, was ich im siebten Punkt schon angesprochen habe: Der Held ist noch nicht soweit, dass er gewinnen könnte, deshalb kommt es zur ersten großen Niederlage. Er fragt sich oft, ob es sein Ziel Wert ist, sein Vorhaben bis zum Ende durchzuziehen. Für Luke ist das der Tod von Obi-Wan, der beim ersten Treffen auf Darth Vader eintritt. Luke verliert seinen Mentor und ist nun auf sich allein gestellt.
9. Die Belohnung / Das Schwert
Aus diesem Scheitern ergibt sich aber oft eine neue Möglichkeit, eine Waffe, mit der der Feind letztendlich doch besiegbar ist. Oder der Held wird dafür belohnt, dass er die erste schwere Aufgabe bestanden hat. Ihr seht vielleicht, dass auch hier das umgesetzt wurde, was ich im letzten Kapitel angesprochen habe: Alles hängt kausal zusammen, das Eine folgt aus dem Anderen, nichts geschieht zufällig. Durch den Erfolg von Luke und seinen Freunden erhalten schließlich auch die Rebellen die ultimative Waffe, um den Todesstern zu zerstören. In R2D2 waren schließlich die Baupläne des Todessterns gespeichert, die nun ausgewertet und auf Schwachstellen geprüft wurden. Man kann „das Schwert“ allerdings auch anders interpretieren: Nach Obi-Wans Tod spricht er zum ersten Mal in Gedanken mit Luke. Dieser Beistand vom Mentor und das Wissen, über die Macht zu verfügen, ist vielleicht die stärkste Waffe, die die Rebellen haben.
10. Der Rückweg
Die Aufgabe des Helden ist es nun, sich mit diesem Wissen auf den letzten und entscheidenden Kampf vorzubereiten. Wie im Fünf-Akt-Drama dient diese Passage dazu, etwas Luft zu holen und sich einzustimmen auf das was kommt. In Star Wars finde ich das etwas schwierig, ich würde die Szenen dazu zählen, in der die anderen Piloten versuchen, den Schuss abzufeuern und immer wieder scheitern.
11. Die Auferstehung
In diesem Punkt geht es zum letztendlichen Höhepunkt der ganzen Geschichte, zum Showdown also. Feind und Held stehen sich Auge in Auge gegenüber und der Held kann nur siegreich sein, wenn er sich auf seine neuen Fähigkeiten verlässt. So entscheidet sich auch Luke gegen den Zielcomputer und für sein Vertrauen in die Macht. Er hört die Stimme seines Mentors, ist sich seiner Unterstützung bewusst und weiß, dass er es schaffen kann.
12. Neue Situation / Ausklang / Rückkehr mit dem Elixier
Nach dem Höhepunkt klingt die Geschichte noch ein wenig aus, man erfährt wie der Held nach Hause zurückkehrt, oder auch zu seinen Freunden. Es ist leicht, ihn vor seiner Reise und danach zu vergleichen und zu sehen, wie er sich dabei verändert hat. Oft erhält er am Ende ein Geschenk, das sein Leben verändert, oder auf das er die ganze Zeit hingearbeitet hat. Luke erhält zum Beispiel von den Rebellen eine Medaille und vor allem den Respekt aller, da er ihre Leben gerettet hat.
Okay, wie soll euch das nun bei eurer Geschichte weiterhelfen? Natürlich gibt es Geschichten, sehr erfolgreiche sogar, die sich an dieser Aufzählung entlang hangeln und jeden Schritt durchlaufen. Diese Prozedur stellt sicher, dass man alle Wendungen bedacht hat, dass der Held sich verändern kann, dass die Handlung nicht zu schnell oder zu langsam verläuft. Aber für euch kann es auch einfach hilfreich sein, die Punkte durchzugehen und mit der eigenen Geschichte zu vergleichen. Läuft sie genauso schnell? Gibt es Parallelen? Kann ich vielleicht die ein oder andere Szene oder Handlung einbauen, die meine Geschichte runder, verständlicher macht? Ich selbst werde zum Beispiel Neuland mit Hilfe dieser Liste überarbeiten (wenn ich irgendwann mal Zeit dazu finde -.-).
Das Ganze klingt ja sehr nach „Abenteuer-Roman“ oder so, aber überlegt euch mal, wie man dieses Schema beispielsweise auf einen Liebesroman anwenden kann. Diese „Schwellen“, „Höhlen“, „Schwerter“ und „Elixiere“ müssen nicht immer wörtlich genommen werden. Vielmehr kann die „Schwelle“ auch eine Angst vor dem Neuen sein, der „Point of no Return“ ist dann vielleicht das Eingestehen der tiefen aber unmöglichen Liebe und das „Schwert“ verwandelt sich in das erlernte Selbstvertrauen der Hauptperson. Ich hoffe, ihr versteht, was ich damit sagen will? Die Heldenreise beschreibt eine Reise, die auch eine seelische sein kann. Die Hauptfigur könnte sie im Extremfall nur in Gedanken durchleben und müsste nicht einmal ihr Zimmer verlassen (das wär doch mal ein toller Ansatz für einen Roman :D).
Übung: Stellt euch vor, ihr müsstet eine Geschichte mit den Punkten der Heldenreise schreiben. Welche Ideen kommen euch, wenn ihr diese Methode ausprobieren würdet? Könntet ihr damit etwas anfangen?
UndzumSchluss: ein fettes Dankeschön an alle, die das hier Lesen! Platz 1 in Sachbücher, über 4k Reads, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll oO Ihr seid klasse!
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