(5) Auf der Klippe

SHB1240 – 03.04.1265 – 11:03

Simon betrat die dunkle Kühle der Eingangshalle und steuerte direkt die Aufzüge an. Auch wenn er normalerweise lieber Treppen lief, hatte er keine Lust verschwitzt zu dem Termin mit seiner Chefin zu kommen. In Aufzügen hatte er manchmal das Gefühl sie würden ihm die Luft zum Atmen nehmen, ihn einengen, genau wie seine Familie ihn einengte, seine Wohnung oder manchmal die ganze Stadt.
Die Türen schlossen sich hinter ihm, sanft surrend begann die Fahrt nach oben. Simons Hände schwitzten, er wischte sie sich an der Hose ab, doch das ungute Gefühl blieb. Er hoffte, es würde Lorrie nicht auffallen.
Bleib ganz ruhig Simon. Dieses eine Mal wirst du alles richtig machen!
Er versuchte sich irgendwie zu beruhigen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet, überhaupt hier her zu kommen.
Du nimmst deine Kündigung mit aller Ruhe an und verschwindest wieder. Mehr nicht. Nicht wie das letzte Mal.

Das letzte Mal stand er vor drei Monaten im Büro seines damaligen Chefs, die Hände in den Hosentaschen vergraben, um das wütende Zittern zu verbergen.
Sie sind gefeuert!, hallte seine Stimme in Simons Gedanken wider, packen Sie Ihren Kram und lassen Sie sich hier nie wieder blicken! Beim Gestikulieren warf sein Chef eine Wasserflasche um und Simon beobachtete die Tropfen, die fast wie in Zeitlupe durch die Luft geschleudert wurden. Alle hatten dem Geschehen plötzlich die Gesichter zugewandt, vielleicht filmte sogar jemand mit. Simon starrte zurück und überlegte, warum er einmal mehr das Zentrum der Aufmerksamkeit war: Weil er mal wieder der Loser war oder weil er seinem ehemaligen Chef gerade mit einem Fausthieb das falsche Grinsen vom Gesicht gewischt hatte?
Der Aufzug kündigte mit einem leisen Klingeln einen weiteren Halt an und kam dann zum Stehen. Ein Mann trat durch die Türen. Simon wich automatisch einen Schritt zurück, bis er die kühle Aufzugwand in seinem Rücken spürte. Es war einer von Lorries Mitarbeitern. Die abgedunkelten Flächen, hinter denen seine Augen lagen, schienen auf Simon zu ruhen. Simon schluckte.
„Schönes Wetter heute, nicht?“, sprach der Mann ihn an und das Bild einer Webcam von irgendwo draußen erschien auf seiner Maske. „Recht warm für April.“
Simon war sich sicher, dass der andere ihn nur provozieren wollte. Er hörte die verborgene Ironie in seiner Stimme. Deshalb atmete er tief durch und schwieg. Nach dem Gespräch mit Lorrie würde er die Typen hier sowieso nie wieder sehen.
Das nächste Klingeln des Aufzugs erlöste Simon und wie ein Blitz schoss er aus der kleinen stählernen Kabine. Auf sein Klopfen hin öffnete sich die Tür zu Lorries Büro, dahinter kam seine Chefin zum Vorschein. Die Farbe ihres eng geschnittenen Kostüms war perfekt auf das Bild ihrer Maske abgestimmt: Dort flatterte die Flagge der Vereinten Europäischen Nationen im Wind. Wie gern hätte jetzt er mit dieser Flagge getauscht und den Rest seines Lebens damit verbracht, sich vom Wind treiben zu lassen.
„Schön, dass Sie es einrichten konnten. Setzen Sie sich bitte.“ Mit einer Hand deutete sie auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Simon konnte den Blick nicht von ihrer schmalen Gestalt lösen, ständig suchte er nach Anzeichen in ihrem Verhalten, wie das Gespräch für ihn ausgehen würde. Erst nach einigen Augenblicken wurde er sich der Pracht des Raumes bewusst, in dem sie saßen. Die Wand, die Simon gegenüber lag, war von oben bis unten aus Glas und bot einen fantastischen Blick auf das reiche Viertel der Stadt. Die Bauherren hatten dort Fachwerk-Elemente mit Farbakzenten kombiniert, um sich vom sterilen Einheitsweiß der Wohntürme abzuheben, allerdings wirkten die Häuser noch immer wie geklont.
Die restlichen Wände des Büros waren mit Holz getäfelt und auch der alte Schreibtisch schien komplett aus Holz zu sein. Wie lange war es her, dass Simon Möbel aus echtem, massivem Holz gesehen hatte? Der Schreibtisch hier musste schon sehr alt sein. Seit dem Waldsterben konnte sich kein normaler Mensch eine solche Menge an Holz leisten.
„Nun, Simon“, er wurde sich wieder des Hier und Jetzt bewusst, „wir hatten große Hoffnungen in Sie gesetzt, müssen Sie wissen. Deswegen ist Ihr erster Auftrag auch ein wenig größer ausgefallen. Nicht jeder Anwärter startet gleich mit einer Verhaftung.“ Ihre feingliedrigen Hände aktivierten mit einem Tippen den Bildschirm, der in die Oberfläche des sonst leeren Schreibtisches eingearbeitet war. „Nun waren sie gestern zwar erfolgreich, aber nicht unbedingt so, wie wir uns das vorgestellt hatten.“
Auf ihrer Maske erschien ein Bild der Leiche, wie aus einer Überwachungskamera. Der Rebellenführer lag bäuchlings auf dem Teppich des Flurs, genau so wie ihn Simon in seiner Panik zurückgelassen hatte. Ihm wurde übel, als er den Mann sah, die leblosen Arme und Beine, die verrutschte Maske.
„Ich denke Sie sind sich noch nicht bewusst, was Ihr Unfall ausgelöst hat. Ein Mensch ist gestorben, aber viel schlimmer noch: Sie hätten fast unser Image zerstört. Zum Glück konnten wir das verhindern.“
Vier Arbeiter, gekleidet ganz in weiß, erschienen in ihrem Masken-Bild und machten sich daran, die Leiche wegzutragen. Einer blieb schließlich zurück, glättete den Teppichboden und sorgte so dafür, dass die Szenerie aussah, als wäre nichts geschehen. Lorrie war für einen Moment still. Simon war sich nicht sicher, ob er sich wünschte, dass sie weitersprach, oder ob er sich davor fürchtete.
„Wir sind gewillt diesen Vorfall zu vergessen, denn wir glauben an Ihre Qualitäten und haben ebenfalls das Interesse, diesen Vorfall nicht all zu öffentlich werden zu lassen. Allerdings nur unter einer Bedingung.“
Simons Herz raste. In dieser Situation hätte er allem zugestimmt, wen es ihm zu einem festen Job verhelfen konnte. Er nickte und wischte sich einmal mehr die Hände an seiner Hose ab.
„Sie verpflichten sich zu kompletter Verschwiegenheit, was Ihre berufliche Tätigkeit angeht. Weder Ihre Familie noch Ihre Freunde werden wissen, woran Sie arbeiten. Außerdem müssen Sie jederzeit einsatzfähig sein, da Ihre Aufträge sehr kurzfristig auf Sie zukommen werden. Haben Sie das verstanden?“
Simon nickte wieder. Er konnte es noch gar nicht glauben.
„Dann legen Sie bitte Ihre Hand hier kurz auf den Bildschirm. Willkommen im Team, Simon. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.“
Simon erhob sich und schüttelte die ihm angebotene Hand.
„Ich danke Ihnen“, sagte er mit vor Freude zitternder Stimme, „Ich werde Sie kein zweites Mal enttäuschen.“
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