Das Fünf-Akt-Drama

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit verschiedenen Handlungsentwürfen beschäftigen, zuerst heute mit dem Fünf-Akt-Drama und den Masterplots, im nächsten Kapitel mit der (very famous!) Heldenreise, danach mit der Snowflake-Methode, die euch bei der Umsetzung des ganzen helfen soll, und zu guter Letzt mit dem Soziogramm, das euch schließlich dabei hilft, den Überblick über eure Figuren zu behalten.
Nun also das Fünf-Akt-Drama.
Das ganze baut auf dem Drei-Akt-Drama auf und besteht aus Exposition, Steigerung, Höhepunkt, retardierendem Moment und dem Schluss oder der Katastrophe. Ursprünglich stammt das Konzept von Gustav Freytag, dessen Statue ich übrigens letzte Woche in Wiesbaden gesehen habe, also wer ihn sich mal anschauen will… 😛 Ihr habt das sicherlich auch wie ich zigtausend Mal im Deutschunterricht gemacht und könnt euch ungefähr was darunter vorstellen 😉 Und genau diesen Aufbau könnt ihr auch für eure Geschichten übernehmen. Ich habe damit zum Beispiel ganz am Anfang meine „Stadt der Masken“ konzipiert, einfach um einen Überblick zu bekommen, was alles in der Geschichte passieren soll und wo ich hinmöchte.

In der Exposition werden generell die Figuren eingeführt und vorgestellt, man bekommt einen Einblick in ihre Lebenswelt und der Leser ahnt schon, dass bald irgendwas passieren muss (Ich merke gerade, dass ich den Teil bei der „Stadt der Masken“ irgendwie übersprungen habe :D). Dann geschieht etwas außergewöhnliches, nicht normales, das den restlichen Ablauf der Geschichte ins Rollen bringt. Achtet wirklich darauf, dass die nachfolgenden Geschehnisse kausal auf dieses erste Ereignis zurückzuführen sind, denn sonst wirken die folgenden Ereignisse willkürlich und zufällig. So ist sichergestellt, dass die ganze Geschichte genau jetzt passieren muss (zum Beispiel dass die Figuren in ihr Verderben laufen müssen, oder eben was ihr euch mit ihnen ausdenkt).
Danach folgt die Steigerung mit dem errenden Moment, die aus diesem auslösenden Ereignis folgt und die Dinge nur noch schlimmer macht. So langsam wird klar, was der Hauptkonflikt sein wird und wo der Spannungsbogen hingeht. Denkt wieder daran, dass die Szenen und Ereignisse aufeinander aufbauen sollten.
Schließlich folgt der Höhepunkt oder auch Wendepunkt. Hier wendet sich das Blatt für euren Protagonisten. War er zum Beispiel vorher davon überzeugt, noch irgendwie aus der Sache herauszukommen, wird er sich nun durch ein Ereignis bewusst, dass es dafür zu spät ist. Oder der Protagonist erkennt nun endlich das Böse, gegen das es sich zu Kämpfen lohnt. Oder er erfährt die ganze Wahrheit und stellt sich nun seiner Verantwortung. Dies sind alles nur Beispiele, aber ihr wisst sicherlich worauf ich hinaus will.
Im vierten Akt folgt das retardierende Moment. In klassischen Dramen sieht es hier fast aus, als würde das Böse siegen und als wäre das Happy End unerreichbar. Tatsächlich muss das aber nicht immer so sein. Dieser Abschnitt dient oftmals einfach dazu, die letzte Konfrontation vorzubereiten und hinauszuzögern. Die wichtigen Figuren machen sich fertig für die finale Schlacht, oder sie denken sich eine List aus, wie man das Böse doch noch besiegen könnte. Dieser Akt lässt den Leser noch einmal Luft holen, bevor es zum Showdown kommt.
Dieser wird auch oft Katastrophe genannt, weil besonders die Stücke aus der Antike nicht immer gut für die Protagonisten ausgingen (Antigone stirbt, Ödipus blendet sich und geht in die Einsamkeit, …). Generell kommt in diesem Teil noch einmal alles zusammen, was die Geschichte zu bieten hat und der Hauptkonflikt, der sich schon durch die anderen Akte gezogen hat, wird hier gelöst.
Wie hilft euch das nun für eure Geschichte? Ihr sollt sie natürlich nicht in Akte einteilen oder die Beschreibung von eben eins zu eins befolgen. Es geht darum, sich mit dem Verlauf seiner Geschichte zu befassen, zu überlegen: Wo möchte ich eigentlich hin? Was soll alles passieren? Wo habe ich vielleicht eine Durststrecke, in der sehr wenig passiert, und was kann ich dagegen tun? Dann könnt ihr eure Geschichte mit dem Fünf-Akt-Drama vergleichen. Unterschiede können für den Leser einerseits überraschend sein, andererseits aber auch irritierend (oder langweilig, zum Beispiel wenn der Höhepunkt fehlt). Wir sind einfach seit der Antike gewohnt, Geschichten in dieser Form zu hören, und das wirkt sich auch auf unsere Erwartungen aus.
Nun haben sich allerdings nicht nur die alten Griechen und Gustav Freitag mit dem Dramenmodell beschäftigt, es gibt auch genug moderne Autoren, die Handlungsentwürfe für Geschichten analysieren und gerne auch mal generalisieren. So gibt es zum Beispiel die Theorie, sämtliche Geschichten ließen sich auf nur fünf grundlegende Plots (Plot=mehr oder weniger Handlung) zurückverfolgen. Ich finde das auch ein wenig zu arg und stelle euch deshalb die 20 sogenannten Masterplots vor, in die sich fast alle erzählten Geschichten einordnen lassen (allerdings eben nur fast! Und viele sind auch Mischungen, also nagelt mich jetzt nicht darauf fest). Die Idee stammt natürlich nicht von mir, sondern aus einem tollen Buch (20 Masterplots by WritersDigest), das ich nur empfehlen kann.
Es gibt folgende Masterplots: Suche, Abenteuer, Verfolgung, Rettung, Flucht, Rache, Rätsel, Rivalität, Underdog, Versuchung, Verwandlung, Verformung, Reif werden, Liebe, Verbotene Liebe, Opferung, Entdeckung, Ausnahmezustand, Aufstieg und Abstieg. Diese Plots haben jetzt sehr konkrete Namen, aber zum Beispiel in „Flucht“ muss nicht immer eine wirkliche Flucht stattfinden, es kann auch im übertragenen Sinne gemeint sein.
So bezeichnet zum Beispiel der Underdog-Plot eine Handlung, in der es zwei Parteien gibt, die beide dasselbe erreichen wollen (einen Kampf gewinnen, einen Schatz finden, die Macht an sich reißen, …). Allerdings ist die eine Partei, die des Protagonisten, schwächer als die andere und hat am Anfang kaum eine Chance gegen den viel stärkeren Gegner zu gewinnen. In diesem Stil sind auch alle anderen Plots erklärt und ausgeführt.
Ich werde euch jetzt nicht zu allen eine ausführliche Beschreibung geben können, wen es aber interessiert, der kann mal auf folgender Seite nachschauen, dort gibt es ein PDF-Dokument mit einer Checkliste zu jedem Masterplot, auf was man achten muss, was einfach dazu gehört und so weiter. Ich fand das für meine „Stadt der Masken“ total hilfreich, auch wenn ich mich nicht an einem Plot orientiert habe, so gab es doch den ein oder anderen Anreiz, meine Geschichte etwas weiter auszubauen und mehr Spannung aufzunehmen.
Dies ist zum Beispiel die Checkliste zum Masterplot Flucht:
1. Escape is always literal. Your hero should be confinded against his will (often unjustly) and wants to escape.
2. The moral argument of your plot should be black and white.
3. Your hero should be the victim.
4. Your first dramatic phase deals with the hero’s imprisonment and any initial attempts at escape, which fail.
5. Your second dramatic phase deals with the hero’s plans for escape. These plans are almost always thwarted.
6. Your third dramatic phase deals with the actual escape.
7. The antagonist has control of the hero during the first two dramatic phases; the hero gains control in the last dramatic phase.
Zum Schluss gibt es noch eine tolle Übung zur Kausalität 😀 Ich gebe euch nun sieben Sätze, von denen ihr fünf in einer beliebigen Reihenfolge kausal aneinander reihen müsst. Denkt daran, dass der erste Satz die auslösende Szene sein sollte, aus der alle anderen Szenen folgen. Vielleicht überlegt ihr euch auch schon, welcher Satz ein guter Höhepunkt, retardierendes Moment und Schluss sein würde, um ganz viel Spannung aufzubauen. Viel Spaß!
Mia verliert ihren Geldbeutel.
Mia streitet mit Tobi.
Mia verschläft.
Mia hat eine Panne.
Mia redet mit ihrer Kollegin.
Mia bekommt einen Anpfiff vom Chef.
Mia will kündigen.
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