(4) Wie in alten Zeiten

CJA1240 – 02.04.1265 – 19:23

An diesem Abend saß Clarence in seinem Wagen und dachte an die Frau, die er heute Vormittag gerettet hatte. Schon zwei, drei Mal hatten ihm andere Leute erzählt, dass er mit seinen breiten Schultern bedrohlich gewirkt hatte, dennoch war er nicht unbedingt der Typ von Mann, der jeden Tag wehrlosen Frauen beistand. Vielleicht hatte er auch deshalb von der Frau, von Jane, eine andere Reaktion erwartet.
Noch immer in Gedanken startete er das Auto und stellte sein Zuhause als Ziel ein, gleich darauf rollte der Wagen gemächlich aus dem Mitarbeiter-Parkhaus. Draußen war es schon dunkel, das war der Nachteil, wenn er es sich gönnte morgens auszuschlafen. Aber Tommy war heute Abend sowieso nicht da, also störte es niemanden, wenn er spät nach Hause kam.
In diesem Moment kündigte seine Maske einen Anruf an. Er schob die Messwert-Tabellen aus seinem Sichtfeld und nahm ab. Zu seiner Überraschung war es Simon.

„Hast du heute Abend schon was vor?“, fragte er und Clarence konnte im Hintergrund eine sich schließende Tür hören. Hatte er noch Besuch gehabt?
„Klar! Wie wär’s mit Caligo?“ Der Wagen nahm das als Zeichen zur Umprogrammierung des Ziels.
„Danke Clarence. Bis gleich.“ Er hörte Simon noch etwas Unverständliches flüstern, bevor er die Verbindung unterbrach.
Das Caligo war eine ehemals angesagte Kneipe im Ausbildungsviertel, es teilte sich ein Gebäude mit einer Obdachlosenküche und einem Freudenhaus. Clarence und Simon hatten sich dort, als Simon seine Ausbildung noch nicht hingeworfen hatte, regelmäßig getroffen. Die Spezialität des Hauses waren schimmernde Glasphiolen, die auf Knopfdruck ihren Inhalt verdampften und diesen Dampf direkt durch die Atemluftfilter der Maske schießen konnten.
Der Aufzug brachte Clarence aus dem unterirdischen Parkhaus in das berüchtigte Gebäude und sobald sich die silbrig-weißen Türen vor ihm öffneten, konnte er schon den Geruch der Phiolendämpfe erkennen. Laut dröhnende Musik schallte ihm entgegen, die sich noch einmal verstärkte, als er die Tür zur Kneipe aufstieß. Erfreut stellte er fest, dass sich in den letzten Jahren nicht viel geändert hatte.
Er war jetzt einer der Älteren, aber das änderte zum Beispiel nichts daran, dass der Boden von dem Inhalt zerbrochener Phiolen glänzte und an den Schuhsohlen klebte.  Die murmelnden Stimmen der unzähligen Menschen, die sich in den kleinen Raum gezwängt hatten, wurden eins mit der Musik und Clarence fragte sich, wie sie sich hier früher so lange unterhalten hatten.
Bei einem Typ hinter der matt-weiß leuchtenden Bar bestellte er zwei Phiolen und machte sich dann auf die Suche nach einem freien Platz.
Es stellte sich heraus, dass Simon wieder einmal schneller gewesen war. Er stand auf einem der wenigen Balkone des Caligo, die Hände auf dem rostigen Geländer aufgestützt, das Gesicht dem fernen Horizont zugewandt. Etwas unsicher blickte Clarence am Geländer vorbei nach unten, wo sich die Autos und Transporter ihren Weg durch die Stadt bahnten. Schwindel erfasste ihn, schnell trat er einen Schritt zurück.
„Wie läuft’s bei dir? Das letzte Mal hast du erzählt, du hättest einen neuen Job, hast du den noch?“
Simon lachte trocken und ohne Freude, sagte aber nichts dazu. Clarence konnte sich schon denken, dass es nicht besser gelaufen war, als bei den unzähligen anderen Arbeitsplätzen zuvor.
„Irgendwann klappt’s, das weißt du“, versuchte Clarence ihn aufzumuntern, doch er war sich nicht sicher, ob er damit Erfolg hatte. Simon stand noch immer mit hängenden Schultern am Geländer und bereitete die zweite Phiole zum Verdampfen vor. Nach einem kaum hörbaren „Verdammt!“ zog der den Dampf ein und drehte sich zu Clarence um.
„Ich hoffe, dir geht’s besser als mir. Aber eigentlich bin ich mir da ziemlich sicher.“ Ein unscharfes Bild von Tammy erschien auf Simons Maske, wurde aber schnell wieder von seinem Standard-Maskenbild verdrängt: Einer Möwe in den hohen Lüften.
„Uns geht’s gut“, meinte Clarence und öffnete die erste seiner Phiolen. Ein Knopf auf der Unterseite verwandelte die blaue Flüssigkeit in undurchsichtigen Dampf, den er mit einem tiefen Atemzug durch den Luftfilter der Maske in seine Lunge sog. Er fühlte kühl und süß, wie sich die kleinen Partikel verteilten und seinen Körper zum Vibrieren brachten.
„Tammy ist im fünften Monat schwanger. Deswegen muss sie abends auch in diese Vorbereitungskurse.“
Clarence zog ein Foto seines ungeborenen Kindes auf den Masken-Schirm. Es hatte einen kleinen Rotstich, aber eine bessere Qualität war durch die Bauchdecke nicht möglich gewesen.
„Als ob ihr das braucht“, kommentierte Simon.
Clarence lachte. „Nur weil ich Biologe bin, kenne ich mich nicht überall aus!“ Er hatte das Gefühl, als würde Simon ihn mustern, aber sein Blick wurde von der Maske verdeckt.
„Woran arbeitet ihr gerade?“
„Wir haben einen gut dotierten Auftrag erhalten, die Mutationen der Seuche in den letzten Jahren zu untersuchen. Es ist immer noch unmöglich einen Impfstoff zu entwickeln, wenn sie sich so schnell verändert. Dabei bräuchten wir ihn so dringend.“
„Klingt gut“, meinte Simon und drehte sich wieder zu den unendlich fernen Lichtern der Stadt. „Klingt nach einem Ziel.“
„Und was ist dein Ziel?“, fragte Clarence. Er hatte sich nach hinten an die Glastür gelehnt, die Scheibe erzitterte im Takt der Musik.
Simon lachte. „Mein Ziel? Deine Reaktion zu hören, wenn ich hier gleich vom Balkon springe.“
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