(3) Hinter jeder Ecke

JCK1236 – 02.04.1265 – 12:15

Jane kannte sich nicht aus in dieser Stadt, und das, obwohl sie hier seit ihrer Geburt lebte. Viel zu oft benutzte sie das Auto oder die Personentransporter oder blieb gleich ganz zu Hause. Viel zu selten ging sie zu Fuß über die Bürgersteige, die jetzt um die Mittagszeit von Menschen bevölkert waren.
Ab und zu nickte ihr einer der Passanten zu, doch Jane erkannte keinen unter den sterilen Masken, die alle vor den Gesichtern trugen. Überall blinkten und leuchteten die Bildschirme und Jane konnte die verschiedensten Motive erkennen, mit denen ihre Träger ausdrücken wollten, wie es ihnen ging. Sie sah Katzen, Sonnenuntergänge, ein Mann trug sogar das Bild einer Bierflasche vor seinem Gesicht. Und das um zehn Uhr vormittags… Der Bildschirm ihrer eigenen Maske zeigte gerade eine sich im Wind wiegende Sonnenblume, die Reflexion des Bildes begleitete sie durch die verglasten Häuserpassagen.

Um sie herum summten einige E-Bikes und E-Boards und einmal mehr ärgerte sie sich darüber, sich nicht schon längst auch eins zugelegt zu haben. Es hieß, eine Akku-Ladung sollte ewig halten – im Gegensatz zu den veralteten Modellen.
Ich sollte Eric heute Abend bitten, eins zu bestellen, überlegte sie sich und bog von der Hauptstraße ab. Wenn das Lebensmittelsystem das nächste Mal ausfiel, hatte sie keine Lust wieder zu Fuß einkaufen zu müssen. Ihr Kleid wippte um ihre Waden, als sie ein weiteres Mal abbog und dann verunsichert stehen blieb. Sie war sich sicher gewesen, auf der Karte hier einen Supermarkt gesehen zu haben. Frustriert stemmte sie die Hände in die Seite und sah sich um. So weit abseits der Hauptstraße war keine Menschenseele zu sehen, niemand war in ihrer Umgebung, den sie fragen konnte.
Im Sichtfeld der Maske checkte sie noch einmal ihre Position, doch das Einkauf-Symbol war von der Karte verschwunden. Langsam ging sie wieder zurück, während sie überlegte, ob sie sich vorhin getäuscht hatte. Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den anderen, achtete nicht wirklich auf ihre Umgebung und schreckte dann auf, als ihr plötzlich zwei Personen gegenüber standen. Beide trugen ein älteres Modell der Masken, auf dem Bildschirm des einen verbarg sich ein hell strahlender Mond hinter düsteren Wolken, der andere hatte das Motiv einer schlichten Uhr gewählt, deren Zeiger in schnellem Tempo über das Zifferblatt kreisten. Jane blieb stehen, sie fühlte ihren Puls ansteigen, fühlte wie sich das Adrenalin in ihrem Körper ausbreitete.
„Darf ich durch?“, fragte sie die beiden, die ihren Weg versperrten, und versuchte dabei genervt zu klingen. Ihre Stimme geriet jedoch zu hoch und zu angespannt, wieder einmal hasste sie sich für ihre piepsige Stimmlage.
„Wir könnten auch noch ein wenig Zeit zusammen verbringen. Du hast doch sicher ein wenig Geld dabei, mit dem wir ein wenig Spaß haben können“, säuselte der Uhren-Typ und streckte eine Hand aus, um Jane an der Schulter zu berühren.
Diese schlug seine Hand bei Seite. „Was fällt Ihnen ein!“, rief sie aus und versuchte auf die Straße auszuweichen, um an den beiden vorbei zu kommen. Der Mond-Typ hielt sie allerdings am Arm fest.
„Ich denke, du bleibst noch kurz bei uns, bis wir alles geregelt haben.“
Mit diesen Worten zog er sie hinter sich her in eine dunkle Hauseinfahrt, durch die man normalerweise in die Tiefgarage fuhr. Der andere zückte einen Störsender, der jegliche drahtlose Kommunikation unmöglich machte. Jane hatte solche Sender schon bei Eric gesehen.
„Verdammt, lassen Sie mich in Ruhe!“, rief sie und versuchte sich zu wehren, doch der Griff des Mond-Typs verstärkte sich nur. Panik begann sich in ihr zu regen. Sie überlegte laut um Hilfe zu schreien, wusste aber, dass sie keinen Ton mehr über die Lippen bringen würde. Der Typ drückte sie nun mit dem Rücken an die Hauswand, der raue Putz stach durch den dünnen Stoff ihres Kleides in ihre Haut.
Der Uhren-Typ rückte nah an sie heran, sein warmer Atem traf auf ihre Haut und Jane hatte das Gefühl, er würde dort ein bleibendes Brandmal verursachen. Er roch süßlich, eigentlich zu süß, und wenn der Geruch des Typen ein Bonbon gewesen wäre, hätte sie es schon längst auf den Boden gespuckt.
„He, Sie da!“, schallte plötzlich eine Stimme aus der Hauseinfahrt. Jane erkannte einen Mann, der auf sie und die beiden Typen zulief und entschlossen schneller wurde, sobald er nahe genug war, die Situation zu überblicken. „Lassen Sie die Frau gehen!“
Von dem Typen mit der Mond-Maske war nur ein gezischtes „Scheiße“ zu hören, während der andere schon von Jane abließ. „Lass uns verschwinden.“ Der Mond-Typ krallte seine Finger noch etwas tiefer in Janes Oberarme, dann stieß er sie von sich, als hätte er sich an ihr verbrannt. Jane konnte sich nicht schnell genug abstützen und prallte mit voller Wucht gegen die Hausfassade. Mit dem Schlag verschwand auch alle Anspannung, die sie bislang aufrecht gehalten hatte, aus ihrem Körper und sie rutschte an der Wand hinunter, bis sie am Boden kauerte. Die zwei Typen waren währenddessen schnellen Schrittes verschwunden. Als der Mann, der Jane gerettet hatte, bei ihr ankam, bogen ihre Peiniger schon um die nächste Ecke.
Ruhe kam über Jane und sie wünschte sich, sie würde ewig anhalten. Doch dann begann der Mann zu sprechen.
„Geht es Ihnen gut?“ Er kniete sich neben ihr auf den Boden. Jane kam sich vor wie ein Unfallfahrzeug, bei dem es abzuschätzen galt, wie groß der Schaden war.
„Nichts passiert“, meinte Jane daraufhin und rappelte sich auf. Ihr Kleid war dreckig und am Rücken sicher auch vom rauen Putz zerrissen worden. Sie fluchte leise und fügte noch hinzu: „Wo sind eigentlich diese Wächter, wenn man sie braucht?“
„Kann ich wirklich nichts tun?“, fragte er und als sie nicht gleich antwortete, streckte er die Hand aus. „Ich bin Clarence.“
„Jane. Danke, aber ich muss weiter.“ Sie hasste es, Hilfe anzunehmen, genauso wie sie es hasste, dass sie sich eben nicht selbst hatte helfen können. Die Hand ignorierend schob sie sich an Clarence vorbei und nahm den Weg zurück zur Hauptstraße. Das Einkaufen hatte sich für heute erledigt.
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