(2) Über den Dächern

SHB1240 – 02.04.1265 – 10:09

Simon stieg die letzten Stufen hinauf und sah sich um. Vor ihm breitete sich die Dachterrasse des Hochhauses aus, dahinter lag die weite Stadt. Ein kühler Wind traf auf seinen Körper und ließ ihn frösteln, er zog die Jacke zu, doch es half nichts.
Mit schnellen Schritten überquerte er die ebene Fläche bis zur Dachkante. Dort löste sich schon der weiße Putz, an vielen Stellen war auch der Beton abgeplatzt und legte die eisernen Gerüste im Innern frei. Heruntergekommen, wie alles auf diesem elenden Planeten, dachte sich Simon und setzte sich. Die Beine ließ er über die Kante hängen, dabei rieselte etwas der Bausubstanz in die Tiefe unter ihm. Es störte ihn nicht. Zerfall und Tod waren ein Teil seines Lebens und ein Teil von ihm.

Ungeduldig blickte er nach unten, hinein in die Häuserschluchten aus weiß-gekalkten Hausfasaden und engen, bevölkerten Gassen. Die Menschen am Boden hetzten von einem Ort zum anderen, rannten durch die Stadt, wollten der Weite des Himmels so schnell wie möglich entfliehen.
Simon verstand sie nicht. Er genoss den Wind auf seiner Haut, den Ausblick auf den weiten Horizont, den die Menschen am Boden sicher schon längst vergessen hatten, wenn sie ihn denn überhaupt kannten. Er zwang seinen Blick wieder auf den Boden. Mit einem kurzen Tippen auf den Rand seiner Maske, die sein gesamtes Gesicht bedeckte, stellte er seine Sicht schärfer und zoomte an die Menschen heran. Er war schließlich nicht zum Spaß hier. Routiniert scannte er die Gesichter, die Körper, die Umrisse, und verglich sie im Gedächtnis mit der Vorlage, nach der er suchte.
Irgendwann musste er dort unten auftauchen und wenn es so weit war, würde Simon bereit sein. Sein Ziel musste jeden Augenblick erscheinen, sofern Simons Informationen korrekt waren.
Mit geübten Handgriffen versicherte er sich, dass alles an Ort und Stelle war, und gefühlt zum hundertsten Mal rief er sich die Mail auf den Bildschirm im Sichtfeld seiner Maske. Vor zwei Tagen hatte er sie bekommen, seitdem bereitete er sich auf diesen Moment vor.
„… haben uns beschlossen Ihnen einen ersten Auftrag zu geben … nächster Schritt nach Stadt- und Nachtwache …“
Simon machte sich nicht die Mühe, alles noch einmal zu lesen. Nur der letzte Satz interessierte ihn.
„Sie sollen das Ziel fangen, wenn nötig betäuben. Alles weitere liegt dann in unserem Entscheidungsbereich …“
Es war nicht so, als hätte Simon nicht schon öfter den Finger gegen den Abzug gedrückt, die Kraft des Stromes, wenn er entladen wurde. Doch bisher war es zu seiner Verteidigung gewesen, in brenzligen Situationen, die er sonst mit seinem Leben bezahlt hätte. Dieser Auftrag war etwas anderes.
Ist er nicht, widersprach er sich selbst und klickte dabei die Mail aus seinem Sichtfeld, dieser Mann ist gefährlich, du schützt damit auch nur dein Leben.
Nacheinander bewegte er seine eingeschlafenen Zehen und versuchte das nervige Stechen zu ignorieren, das seine Konzentration störte. Die Menschenmassen zu Füßen der Hochhaustürme wurden dichter, ein sicheres Zeichen dafür, dass es Mittag war. Einen nach dem anderen beobachtete Simon durch seine Maske. In seinem Kopf verschwammen die Gesichter zu unförmigen Klumpen aus Beinen, Armen mit zu vielen Händen und Masken, die ihn unentwegt anstarrten.
Plötzlich fuhr ihm ein heißes Stechen in den Magen. Er hatte ihn gesehen. Tatsächlich, da stand sein Ziel und betrachtete von unten das Haus, auf dem Simon kauerte.
Seine langen, weißen Haare hatte er unter der Maske zu einem Zopf zusammengebunden. Auf dem verpixelten Bildschirm seiner Maske schnappte ein gelber Pacman nach bunten Punkten.
Der Anführer der Rebellen, dachte Simon und ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinunter. Der Mann ging auf das Hochhaus zu, das war auch das Zeichen für Simon sich in Bewegung zu setzen.
Dreißig Stockwerke tiefer trat der alte Rebellenführer durch die Tür des Aufzugs in den Flur und schritt ihn entlang. Simon betrachtete ihn aus sicherer Entfernung. Der Pacman auf seiner Maske hatte sich in einen grinsenden Smiley verwandelt, die schwarzen Pixel der Augen schienen sich wie zwei Pfeile in Simons Hirn zu bohren, doch er wusste, dass der Mann ihn unmöglich sehen konnte. Nicht mit so einer antiquierten Maske. Bestimmt funktionierte sie noch über Infrarot.
Der Mann war inzwischen in Schussweite. Ganz langsam zog Simon seine Waffe. Mit den Finger bediente er ein flaches Rad am Griff der Waffe, nach zwei Umdrehungen rastete es bei „Betäuben“ ein. Eine über Luft übertragene Stromladung würde den Mann kurz außer Bewusstsein setzen, sodass Simon ihn festnehmen konnte. Er hob die Waffe, legte an.
Der Mann blieb stehen, als hätte er ihn gesehen, doch dann wandte er sich der Tür zu, die neben ihm vom Flur abging. Er fuhr sich mit einer Hand über den Hinterkopf und richtete seinen Pferdeschwanz. Dann erhob er die Hand zum Klopfen.
Jetzt oder nie, durchfuhr es Simon, wenn er jetzt klopft, habe ich verloren. Schweißnass und schwer lag die Waffe in seinen Händen, als er abdrückte. Die Luft erhitzte sich ein wenig, die geballte Energie überbrückte den Raum. Sie traf den Mann in den Oberkörper, es dampfte ein wenig, aber das war normal. Genauso normal wie Simons Beobachtung, dass der Mann vor der Tür zusammenbrach und regungslos liegen blieb.
Geduckt huschte er zu seinem Opfer und legte ihm Handschellen an, deren Starkstromverschlüsse beruhigend summten. Da bemerkte Simon etwas, das nicht normal war.
Der Mann hatte aufgehört zu atmen.
Im Café auf der anderen Straßenseite saß Simon vor einem heißen Kaffee mit Milchschaum, allerdings war es eher eine Alibi-Bestellung gewesen. Wahrscheinlich würde er die Tasse unberührt zurückgehen lassen, nachdem er sich beruhigt hatte. Mit zittrigen Händen fummelte er den kabellosen In-Ear-Kopfhörer aus seiner Jackentasche und steckte ihn ins Ohr. Es tutete ein paar Mal, dann setzte stimmungsvolle Musik ein. Das alles verbesserte Simons Unruhe nicht wirklich, er trommelte auf den Kaffeehaustisch während er auf die Verbindung zur Wächter-Zentrale wartete. Endlich nahm jemand ab.
„SHB1240“, nannte er seine ID und identifizierte sich gleichzeitig durch seine Stimme. „Simon! Was ist los bei Ihnen?“, meldete sich eine energische Frauenstimme. Simon stönte innerlich. Seine Chefin, wer sonst? Was sollte er jetzt sagen, um seinen Job nicht komplett zu verspielen?
„Bei dem Auftrag… Ich glaube ich habe ihn getötet“, sagte er so leise wie möglich, damit es im Café niemand hörte. Im Hintergrund war es still, Simon war sich sicher, dass seine Chefin gerade nachschaute, wie schlimm die Situation tatsächlich war.
„Ich sehe schon. Also, Simon. Wir kümmern uns darum. Kommen Sie bitte morgen in mein Büro. Vielen Dank.“ Dann drückte sie Simon weg.
Im Cafe sank er in die Lehne seines Stuhls zurpck und atmete tief ein und aus. Wenigstens wollte ihn seine Arbeitgeber noch einmal sehen, bevor er erledigt war.
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