Perspektive und Tempus

Ich entschuldige much schon mal, dass meine aktuelle Geschichte „Die Stadt der Masken“ meine Schreibzeit auffrisst und das auf Kosten dieses Ratgebers geht -.- In den Ferien gibts hoffentlich ein paar Kapitel mehr 😉 In diesem Kapitel wird es zunächst um die Perspektive gehen: Wie finde ich die richtige Perspektive für meine Geschichte? Was muss ich bei den verschiedenen Perspektiven beachten? Und welche Regeln gilt es dabei einzuhalten? Dann werde ich noch kurz auf das Tempus eingehen.
Log geht’s mit dem Deutschunterricht 😛 Ich werde nach einander auf die einzelnen Perspektiven eingehen: der Ich-Erzähler, der personale, der auktoriale und der neutrale Erzähler.

Der Ich-Erzähler bietet den tiefsten Einblick in die Emotionen der Figur. In dieser Perspektive sind die Handlungen des Protagonisten am Glaubwürdigsten, da wir seine Gedanken direkt mitbekommen und gleich mit in seine Gefühlswelt genommen werden. Natürlich gibt es auch Geschichten, die in der Ich-Perspektive geschrieben sind, aber nicht aus der Sicht des Protagonisten. Zum Beispiel habe ich mal ein Buch aus der Sicht eines Geistes gelesen, der den Protagonisten die ganze Zeit begleitet, aber natürlich keinen Einfluss auf das Geschehen hat.
Das Problem an dieser Perspektive ist allerdings, dass wir nur Dinge beschreiben können, die unsere Ich-Person auch miterlebt. Wenn wir auf Dinge oder Ereignisse zugreifen wollen, bei denen die Person nicht dabei ist oder dabei sein kann, müssen wir uns ein paar Tricks bedienen. Die Person könnte sich zum Beispiel nach den Ereignissen erkundigen, die sie verpasst hat, sie könnte über ein Telefonat direkt dabei sein, oder sie könnte mutmaßen, was denn gerade an diesem anderen Ort ihrer Meinung nach geschieht. Dazu zählt auch, dass es sich glaubwürdig anhören sollte, was diese Person in ihren Gedanken so vor sich gibt. Wenn ich zum Beispiel die Straße entlang gehe, denke ich nicht: „Da wohnt Frau Schmidt, die hat eine Katze, die früher öfter mal bei uns vorbei gekommen ist, und da ist mein Haus, früher war es blau, aber vor kurzem haben wir es grün gestrichen.“ Solche Fakten, die für die erzählende Person alltäglich sind, würden ihr nie in die Gedanken kommen, wenn sie an dem Haus vorbei läuft. Viel wahrscheinlicher wäre soetwas wie: „Irgendwie kann ich mich immer noch nicht an die neue Farbe unseres Hauses gewöhnen. Frau Schmidt’s Katze scheint das allerdings nichts auszumachen, denn die liegt schon wieder auf der Treppe zu unserer Haustür und sonnt sich.“ Ganz knifflig wird es, wenn man das Aussehen einer Person in der Ich-Perspektive beschreibt. Entweder muss ich mir dafür einen Spiegel suchen und sich die Person betrachten lassen, oder ich greife auf Dialoge zurück, in denen ich die andere beteiligte Person etwas sagen lasse wie: „Dieses Blond steht dir total gut, obwohl ich deine dunklen Haare vorher lieber mochte.“
Allerdings muss man in dieser Perspektive aufpassen, dass man nicht zu sehr in den erzählenden Tonfall gerät. Mir passiert das immer wieder, dass ich mich dabei erwische, wie ich lange und ausführlich die Gedanken meiner Ich-Person beschreibe und zu sehr von der eigentlichen Handlung, die es ja zu beschreiben gilt, abkomme.
Der personale Erzähler fokussiert sich auch auf eine einzige Person, allerdings schreibt man hier in der 3. Person, also in der er/sie Perspektive. Das hat den Vorteil, dass man ein wenig Distanz zur Figur erhält und sozusagen nicht in den Gedanken dieser Figur gefangen ist. Man kann durchaus ihr Aussehen beschreiben, ohne dass es unglaubwürdig klingt. Wenn man sich allerdings für diese Version entscheidet, ist es wichtig nicht irgendwann zwischendrin die Person zu wechseln. Das stürzt den Leser in Verwirrung und reißt ihn aus der Geschichte. Es ist dagegen üblich, wenn man denn mehrere Personen begleiten will, nur pro Szene zu wechseln. Aber ich glaube, das haben die meisten hier schon ganz gut drauf 😉 Es gibt auch Bücher, die zwischen Ich- und er/sie-Perspektive wechseln, zum Beispiel bei der der Protagonist aus der Ich-Sicht schreibt und die der anderen aus der 3. Person. Allerdings sollte das auch hier klar getrennt sein und so geschrieben, dass der Leser es nachvollziehen kann. Vor allem rät Sol Stein dazu bei Perspektivenwechsel immer aus Sicht der Person zu schreiben, die am Stärksten in dieser Szene involviert ist. Natürlich kann man es, vielleicht um es spannend zu machen, auch bewusst anders machen.
Nun gibt es ja auch noch die auktoriale Perspektive, bei der der Erzähler in die Gedanken aller Personen blicken kann. Er ist gewissermaßen allwissend und steht etwas außerhalb des Figurengeschehens, was sich auch darin zeigt, dass er manchmal kommentiert oder die Handlungen der Personen bewertet.
Im Unterschied dazu steht die neutrale Perspektive, hier ist der Erzähler nur Beobachter und beschreibt sachlich, was die Figuren erleben, ohne Einblick in ihr Innerstes zu haben.
Egal für welche Perspektive ihr euch entscheidet, macht euch vorher klar welche Konsequenzen das für eure Geschichte hat. So ist es zum Beispiel knifflig einen Krimi aus der Perspektive nur einer Person zu schreiben, da dieses Genre oft davon lebt, dass der Gegenspieler gezeigt wird, oder ein Geschehen, zu dem der Ermittler erst später kommt, oder… Naja, ihr wisst was ich meine 😉 Nichtsdestotrotz kann man sich dafür entscheiden, wenn man sich bewusst ist, was dann auf einen zukommt.
Checkliste zur Perspektive: Wurde sie durchgehend eingehalten? Kann der Leser sich gut in die Perspektive hineinversetzen? Wurden Emotionen durch Handlungen gezeigt? Wenn ihr die Ich-Perspektive gewählt habt, habt ihr das Aussehen durch eine andere Person beschrieben? Hat die Person nur das gesagt, was sie wirklich wissen kann und sagen würde? Drückt sich die Person so aus, wie sie es in der Realität tun würde? Habt ihr die Perspektivenrichtlinien eingehalten, die ihr euch am Anfang gesetzt habt?
Nun zum Tempus, ich denke hier muss ich nicht all zu viel schreiben. Die meisten Texte sind wohl im Präsens oder im Präteritum geschrieben. Die Gegenwartsform hat dabei den Vorteil, dass der Leser direkt dabei zu sein scheint, weil das Geschehen „aktuell“ beschrieben wird. Ich habe immer das Gefühl, dass der Text automatisch an Geschwindigkeit zunimmt, wenn er im Präsens geschrieben wurde.
Das Präteritum ist wohl um einiges gewohnter als das Präsens. Mir geht es so, dass ich wirklich drauf achten muss, nicht automatisch ins Präteritum zu fallen, wenn ich in einer anderen Zeitform schreibe. Deshalb ist hier auch wichtig: Entscheidet euch am Anfang für eine Zeitform und zieht sie konsequent durch! Nichts ist nerviger, wenn ständig zwischen den Zeiten gesprungen wird, vor allem weil man das beim Drüberlesen schnell bemerken und korrigieren kann. Andere Zeitformen sind eher ungewöhnlich, aber nicht unmöglich! Ebenso wie in Text ganz im Konjunktiv 😉 Probiert euch aus, man muss ja nicht immer der Norm folgen.
So, das wars schon wieder. Was ich noch sagen wollte: Bitte hängt euch nicht an meinen doofen Beispielen auf. Ich saug mir die auch aus den Fingern und weiß, dass die meistens nicht das Beste sind, was ihr je gelesen habt. Darum geht es mir aber auch nicht. Ich will damit meist ein bestimmtes Prinzip verdeutlichen, ich hoffe wenigstens das kommt rüber. Wenn ihr für diese Erklärungen wirklich tolle Beispiele lesen wollt, schaut mal in Sol Steins Buch rein, er zitiert ausschließlich aus ausgezeichneter Weltliteratur.
Das nächste Kapitel wird (voraussichtlich) von Lebendigkeit und Emotionen handeln.
Und noch eine Anmerkung zum Schluss: Aus dem Seminar habe ich ein paar Modelle mitgenommen, mit denen man einen Plot besser entwickeln und ordnen kann. Würde euch das interessieren?
Übung: Schreibt eine kurse Szene aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Zeitformen. Was erwartet ihr von der Wirkung dieser Szene und werden diese Erwartungen erfüllt? Welche Unterschiede könnt ihr in der Wirkung erkennen?
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