Der Dialog

So, nun kommt der Zeitpunkt, an dem ich zum ersten Mal meinen Plan umwerfe und den Punkt Szene und Kapitel überspringe. Ich denke, wir haben erstmal genug Theorie gemacht, oder? Deshalb widme ich dieses Kapitel dem Dialog.
Manche denken sich vielleicht: Dialoge schreiben ist ja voll einfach! Wir reden ja eh den ganzen Tag, das kann ich ja wohl auch aufschreiben. Aber leider ist es nicht so einfach, wie wir gleich sehen werden.

Inhalt
Sol Stein schreibt gleich zu beginn: Ein Dialog ist kein Gesprächsprotokoll. Er ist der Meinung, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was gesagt wird, sondern was dahinter steckt. So ist es zum Beispiel viel ausdrucksvoller, wenn eine Figur gerade nicht auf eine Frage antwortet. Oder wenn jemand gar keine Fragen stellt, sondern einfach nur redet und redet… Ebenso zählen die Reaktionen auf das Gesagte, wie es vom Gegenüber aufgefasst ist, welche Bedeutung er dem Gesagten beimisst und so weiter.
Vor allem sollte man im Hinterkopf behalten, worauf der Dialog abzielt. Was ist der Höhepunkt der Szene, die ihr im Kopf habt? Auf welches Resultat, welche Reaktion wollt ihr hinaus? Das hilft sehr um zu vermeiden, dass der Dialog nur vor sich hinplätschert. Denn auch in Dialogen geht es immer darum, Neugier zu erzeugen, Spannung zwischen den Figuren aufzubauen, auf einen Konflikt hinzuschreiben, der irgendwann eskaliert oder sich auflöst.
Dabei ist es ein häufig begangener Fehler, dass Diaologe zu lang oder zu oft eingebaut werden. Dabei sind kurze Dialoge oft aussagekräftiger als lange, da sie mehr ungesagt lassen und die Fantasie des Lesers anregen.
Dazu kommt hier eine kleine Übung:
Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Es war finster und kalt und die Kinder wussten nicht, wie sie sich helfen konnten.
Daraus wird im Dialog:
Gretel zitterte und ihr Gesicht leuchtete weiß vor den nachtschwarzen Baumstämmen. „Mir ist kalt und wir wissen doch gar nicht, wo wir sind. Ich bin müde“, flüsterte sie. Hänsel wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Es ist schon fast Mitternacht und wenn wir nicht aus dem Wald herausfinden, müssen wir hier übernachten. Wir haben keine Zeit, wir müssen weiter“, drängte er.
Dies ist ein typischer Fall von einem zu langen Dialog. Die Aussage Mir ist kalt wird ja schon ausgedrückt durch die Beschreibung Gretel zitterte. Sie haben sich verlaufen, das ist auch klar, das muss Gretel nicht noch einmal sagen. Auch Hänsels Situationsbeschreibung ist unnötig, da sich Gretel dieser Situation ja wohl bewusst sein wird. Der Leser versteht auch so, dass ihre Lage aussichtslos ist. Streicht man also alles unwichtige, erhält man folgende Passage:
Gretel zitterte und ihr Gesicht leuchtete weiß vor den nachtschwarzen Baumstämmen. „Ich bin müde“, flüsterte sie. Hänsel wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Wir haben keine Zeit, wir müssen weiter“, drängte er.
Ich finde es beeindruckend, wie automatisch das Tempo der Passage steigt.
Form
Gerade wenn ihr die Geschichte veröffentlichen wollt: Achtet auf die Form der wörtlichen Rede! Obwohl die meisten hier das schon richtig machen, stoße auch ich immer wieder auf Geschichten, die anscheinend keinen großen Wert darauf legen. Dabei hilft eine richtige Form wirklich, die Geschichte flüssig zu lesen und Verwirrung vorzubeugen. Es gilt: Jede neue Zeile bedeutet, dass ein anderer Redner spricht. So sind wir es als Leser von den publizierten Werken gewohnt und wenn dies nicht eingehalten wird, wissen wir oft nicht genau, wer denn jetzt spricht. Auch die Verlage erwarten, dass wir als Autoren darauf achten und die Manuskripte in dieser Hinsicht korrekt sind.
5 Tipps zum Dialoge-Schreiben
> Lasst die Individualität der Figuren in die wörtliche Rede einfließen.
> Baut den Dialog in eine Handlung ein, so erhält der Dialog einen sinnstiftenden Rahmen und ihr könnt ihn einfacher auflösen.
> Verzichtet auf Füllwörter (es sei denn sie gehören als wichtiges stilistisches Mittel zur Figur!)
> Macht euch keine Sorgen, dass sich sagte sie/sagte er immer wieder wiederholt. Wir sind das inzwischen so gewohnt, dass wir das beim Lesen einfach überlesen und gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.
> Achtet darauf, keine Informationen in Dialoge zu packen, die unglaubwürdig klingen. Ich denke da an sowas wie „Schau mal, da kommt unsere Mutter.“ Beide Personen, die ja anscheinend Geschwister sind, werden wohl wissen, dass das ihre Mutter ist. Auch wenn es ein beliebter Kunstgriff ist, Informationen und Erklärungen über Dialoge an den Leser weiterzugeben, man sollte dabei aufpassen, dass es nicht gekünstelt klingt.
Nun möchte ich euch noch auf etwas hinweisen, das im Seminar angesprochen wurde und über das ich mir irgendwie noch nie Gedanken gemacht habe. Was fällt euch bei dem Satz ein: „Verdammt, heute ist schon wieder Montag“, seufzte sie. Kann man wirklich einen ganzen Satz seufzen? Oder tut man es vielmehr davor oder danach? Seufzen ist eher eine punktuelle Handlung, deshalb sollte man es in dem eben genannten Fall nicht verwenden! Dasselbe gilt für Wörter wie hinzufügen (wenn man keinen Satz hat, zu dem man etwas hinzugefügt hat), aufschreien, lachen, weinen, … Euch fallen bestimmt noch mehr Beispiele ein.
Übung: Findet die Fehler!
Das Klingeln meines Handys lies mich aufschrecken.
„Hallo?“ fragte ich. Ich hatte nicht aufs Display geschaut, ob ich die Nummer kannte.
„Hi, hier ist Luisa,“ meldete es sich auf der anderen Seite.
„Hey Luisa! Das ist aber eine Überraschung, wie gehts dir?“ Wir hatten uns erst vorhin in der Schule gesehen, warum rief sie an?
„Gut, und dir?“
„Mir auch! Weswegen rufst du an?“
„Ich wollte dich an unser Treffen morgen erinnern.“
„Ja stimmt. Wir wollten uns mit Jenny treffen und danach ins Kino.“
„Genau! Ich freu mich schon so!“
„Ich muss mich morgen echt beeilen, damit ich es rechtzeitig zu Jenny schaffe.“, seufzte ich. „Aber ich denke das klappt schon.“
„Ich wills mal hoffen!“, lachte Luisa und verabschiedete sich. „Also dann bis morgen!“
„Tschüss!“
Ich würde hier bis zu sieben Punkte finden, die ich kritisieren würde, auf wie viele kommt ihr? Wie würdet ihr den Dialog umschreiben, damit er spannend und konflikthaltig wird? Im Moment ist er ja sehr… monoton (man könnte es auch langweilig nennen :D).
Ansonsten habe ich mal die Inhaltsübersicht überarbeitet, ich werde auch ab sofort Sol Steins Buch und Seminar in ein Kapitel schreiben (habe ich auch hier schon getan). Genauere Informationen über das Buch und mein Seminar findet ihr auch bald am Anfang dieses Buchs, schaut da mal bei Gelegenheit rein 😉
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