Der Charakter – 2

Da ich echt ein wenig überwältigt bin, wie gut das hier ankommt, und ich inzwischen meine universitären Aufgaben für diese Woche erledigt habe (ja, es ist Mittwoch und ich habe erst wieder am Dienstag Uni :P), kommt hier der zweite Teil des „Charakter“-Kapitels für euch ^.^
Ich möchte wie versprochen etwas genauer auf die psychologischen Merkmale einer Figur eingehen und beschreiben, nach welchen fünf Kriterien man diese ausgestalten kann. Mir hilft es zum Beispiel, wenn ich eine Figur ausarbeite, diese Punkte durchzugehen und einen Steckbrief  dazu anzulegen. Wenn ich sie dann später in heikle Situationen bringe, kann ich aus diesen Punkten ihre Reaktionen ableiten (besonders bei Figuren, deren Verhalten für mich nicht unbedingt intuitiv ist!).
Die Persönlichkeit
… ist wohl am ehesten das, was man sich vorstellt, wenn man an den Charakter einer Person denkt. Wie tickt die Person? Wie gestikuliert sie, wenn sie wütend ist? Wie verhält sie sich in alltäglichen Situationen? Ich denke nicht, dass ich dazu noch viel schreiben muss 😉
Die Disposition
… wird schon ein wenig interessanter. Für alle Lateiner unter uns, das Wort stammt von disponere und bedeutet ordnen oder aufstellen. Also: Wie steht unsere Figur zu ihrer Welt? Welche typischen Reaktionen treten auf, wenn sie mit anderen Menschen konfrontiert wird? Vielleicht ist unsere Figur generell offen und extrovertiert, verhält sich aber bei einer bestimmten Person total anders, was kann das über unsere Figur sagen? Sol Stein nennt hier insbesondere Gefühlsreaktionen, die den Charakter definieren.
Das Temperament
… beschreibt vor allem das Denken und Auftreten einer Figur. Ich fand vor allem die Frage interessant: Was ist die charakteristische Art, mit der sich unsere Figur einem neuen Tag entgegenstellt? Hoffnungsvoll? Niedergeschlagen? Neugierig? Gleichgültig? Ich finde, wenn man dieses Gefühl im ersten oder zweiten Kapitel einer Geschichte gut ausdrücken kann, erfährt der Leser einiges über die möglichen Reaktionen und die Gefühlswelt der Figur.
Die Individualität
… grenzt unsere Figur von den anderen auftretenden Figuren ab. Warum ist sie anders? Was macht sie zu etwas Besonderem? Hier sollten vor allem konkrete Details in der Beschreibung einen bleibenden Eindruck vermitteln. Dies könnten zum Beispiel alltägliche Rituale sein, ein Gegenstand, der einen großen Wert für die Figur besitzt, einfach alles, was sie greifbarer, glaubwürdiger, realer werden lässt. Euch fallen dazu bestimmt noch viel mehr Beispiele ein 😉
Die Exzentrizität
… geht mit dem vorherigen Punkt Hand in Hand, vielleicht noch einen Schritt weiter. Denn unsere Figur sollte nicht nur ein ausgestaltetes Individuum mit Macken und Eigenheiten sein, sondern sich auch generell vom Grau der Masse abheben. Dies kann durch ihr Verhalten beschrieben werden, die Art sich zu kleiden, zu reden und so weiter.
Was Sol Stein immer wieder bei seinen Erklärungen betont, ist die Aufforderung, keine langweiligen Charaktere zu beschreiben. Es ist zwar für den Leser einfacher, sich in einen durchschnittliche Figur hineinzuversetzen, aber Durchschnitt hat er auch in seinem realen Leben bei seinen echten Freunden (auch wenn ich diese Aussage immer ein wenig… gefährlich finde). Wenn ein Leser zu einem Buch greift, will er etwas Anderes erleben, das spannender und aufregender ist als sein Alltag. Deshalb sollten sich Figuren durch die oben genannten Kriterien vom Mittelmaß abheben. Ziel ist es, beim Leser eine emotionale Reaktion zu erzeugen. Dabei ist es unwichtig, ob der Leser sich wünscht, er wäre auch so toll/selbstbewusst/witzig/außergewöhnlich/… wie die Figur, oder ob er die Figur verabscheut weil sie so gemein/laut/böse/… ist. Im Leser soll ein Gefühl entstehen, das im Zusammenhang zum beschriebenen Charakter steht. Wenn dies gelingt, wird er sich auch in Zukunft nach der Lektüre an den Charakter erinnern und neugierig sein, was weiter mit ihm geschieht.
Allerdings stellt sich jetzt mir die Frage: Wenn ich meine Figuren vielleicht ein wenig überspitzt darstelle, um sie interessanter zu machen, sind sie dann immer noch authentisch? Sol Stein nennt einen einfachen Trick, wie eine Figur an Authentizität gewinnen kann: Der Leser sollte sie nackt sehen. Ich habe hier schon oft gelesen, dass jemand morgens aufsteht, sich unter die Dusche stellt, sich fertig macht… Vielleicht war es für die Autoren nur ein Teil des Morgenrituals, aber unbewusst haben sie damit die Figur dem Leser näher gebracht. Ich bin mir sicher, dass das auch mit anderen Momenten funktioniert, in denen die beschriebene Figur verletzlich gezeigt wird. Das könnte zum Beispiel beim Schlafen sein (natürlich nicht bei einem personalen Erzähler), oder vielleicht auch bei einer „seelischen“ Entblößung.
So, genug der Theorie. Im nächsten Abschnitt soll es dann darum gehen, wie ihr das alles auf Protagonist, Antagonist und Nebenfiguren anwenden könnt und was dabei zu beachten ist.
Übung: Besonders charakteristisch für eine Figur sind ihre Reaktionen auf andere Menschen. Stellt euch vor, eine Figur eurer Wahl trifft auf einen fremden/reichen/unglücklichen Menschen. Was wäre seine typische Reaktion? Würde sie viel Wert auf die Reaktion des Gegenübers legen? Wenn eure Figur schlecht gelaunt wäre, was würde sie dem anderen Menschen ins Gesicht schreien? (Da in der Wut und im Schreien meistens unser Inneres nach Außen gekehrt wird)
Achso, was ich ganz vergessen hab: In dem Seminar werden wir anscheinend die Tribute von Panem analysieren. Ich bin echt gespannt, welche Erkenntnisse wir daraus ziehen werden! In eineinhalb (anderthalb?) Wochen wissen wir mehr ^^

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