Der Charakter

Nachdem wir letztes Mal über Figuren im Generellen gesprochen haben, möchte ich nun auf die Gestaltung ihrer Charaktere eingehen. Dabei nennt Sol Stein fünf Methoden, durch den der Charakter einer Figur beschrieben werden kann. Dabei müssen nicht alle Methoden auf einmal verwendet werden, die Liste soll nur eine Anregung darstellen, über die Möglichkeiten nachzudenken.
1. Körperliche Eigenschaften
Dies ist ein wohl ziemlich selbsterklärender Punkt, obwohl auch hier Sol Steins Lieblingsspruch gilt (nicht beschreiben, sondern zeigen!). Wenn ich schreibe Er war groß erzeugt das kein Bild im Kopf des Lesers. Wenn ich stattdessen schreibe: Als er durch die Tür kam, musste er seinen Kopf einziehen wirkt das schon ganz anders. Oder zum Beispiel: Ich hatte Angst, dass er nicht durch meine Tür passen würde. Es geht darum, körperliche Eigenschaften nicht in einer körperlosen Stimme des Autors zu beschreiben, sondern sie zu zeigen, sei es in einer Handlung, in einem Gespräch oder in den aufgezeichneten Gedanken eines anderen. Das bedeutet, vor allem den optischen Eindruck der Figur wiederzugeben, das was einem Beobachter als erstes auffällt. Wie bewegt sich die Person durch einen Raum voll mit Menschen? Tänzelt sie durch die Lücken? Verschafft sie sich körperlich Platz oder eher durch ihre Aura? Wie steht die Figur da, wenn sie sich mit jemandem unterhält? Diese Fragen zu beantworten kann helfen, ein runderes Bild von einer Person zu schaffen.
2. Kleidung
Auch die Kleider, die eine Figur trägt, können zur Beschreibung ihres Charakters beitragen. Dabei ist es vor allem interessant, wie die Figur die Kleidungsstücke trägt (dies wäre dann auch wieder eine beobachtbare Handlung). So ist es zum Beispiel relativ egal, ob ein Mann ein blaues oder weißes Hemd trägt, aber die Tatsache, dass er es in den Hosenbund geschoben hat, kann je nach Beschreibung auf einen ordentlichen oder einen verklemmten Menschen hindeuten. Oder der Mantel eines Mädchens kann rosa oder lila sein, wenn er ihr ständig über die schmalen Schultern rutscht, erzeugt dies ein greifbares Bild von der Person.
Natürlich habe ich bemerkt, dass es besonders hier auf Wattpad beliebt ist, die Kleidung der Personen ausführlich zu beschreiben und hin und wieder auch Bilder der Kombinationen in den Anhang zu stellen. Auch ich finde, dass es die Person anschaulicher macht und der Geschichte Leben einhaucht, weil sie realistischer wird. Allerdings würde Sol Stein sagen (so denke ich zumindest), dass dies nichts zur Charakterisierung der Figur beiträgt, sondern einfach von der Mode abhängt. Es kann natürlich auch charakterisieren, wenn eine Figur modische und aktuelle Kleidung trägt, wenn man die Geschichte allerdings in 20 oder 50 Jahren wieder liest, kann es einen ganz anderen Eindruck auf den Leser machen. Ich denke wirklich, dass man darüber streiten kann, was die bessere Methode ist, allerdings bin ich dafür, dem Leser so viele Freiheiten wie möglich zu lassen und ihn entscheiden zu lassen, ob der Pulli jetzt weiß oder grau ist.
3. Psychologische Merkmale
Ein beliebtes Mittel, um Figuren zu charakterisieren, sind herausstechende Merkmale oder kleine Ticks, die die Figur zu etwas Besonderem machen. Das können zum Beispiel typische Reaktionen auf eine Situation sein oder Tätigkeiten, die eine Person durchführt, wenn sie vielleicht nachdenkt und sich dessen nicht bewusst ist. Mir fällt da gleich auf der Unterlippe kauen ein, oder mit dem Bein wippen. Ich hab zum Beispiel immer einen Stift in der Hand, egal ob ich was aufschreiben will oder nicht. Vielleicht fällt euch ja ein, was dieser Tick auf mich schließen lässt ^^ Oder stellt euch eine Figur vor, die im ersten Kapitel Streit mit einem Freund wegen einer Kleinigkeit hat (zum Beispiel in welches Kino sie gehen wollen), und die sich unbedingt durchsetzen will. Das lässt vielleicht auf einen Sturkopf schließen, die in zukünftigen Diskussionen genauso handeln wird. Mehr zu den psychologischen Merkmalen gibt es allerdings im nächsten Kapitel.
4. Handlung / Dialoge
Diese zwei Punkte habe ich mal zu einem zusammengefasst, da ich glaube, dass das im voherigen Kapitel schon ganz gut rübergekommen ist, was Sol Stein sich darunter vorstellt. Dialoge sind insofern ein geeignetes Mittel, um Charaktere darzustellen, als dass sie doch beobachtbarer und unmittelbarer für den Leser erscheinen als Handlungen. Der Autor kann trotz großer Mühe immer nur gefiltert wiedergeben, was seine Figuren gesehen und getan haben, einen Dialog allerdings kann man möglichst gut wiedergeben. Es wird auch nochmal ein eigenes Kapitel zum Thema Dialoge geben, keine Angst.
So, das ist ja wirklich ein langes Kapitel geworden ^^ deswegen bekommt ihr den zweiten Teil im nächsten Kapitel, dort gibt es eine Liste, an der man sich für die Ausgestaltung seines Charakters orientieren kann.
Übung: Ein besonders spannende Figur ist eine, deren Handlungen im Gegensatz zu ihren Gedanken stehen. Stellt euch eine Person vor, die etwas denkt oder etwas bestimmtes gerne tun würde, und sich dann aber genau gegensätzlich verhält. Stellt sie euch wirklich konkret vor. Findet ihr, dass die Figur dadurch lebhafter wird? (Ich bin mir diesbezüglich auch nicht so sicher, würde mich sehr über eure Meinung freuen ^.^)

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